Zu viel im Kopf

Das erste Lebensjahr mit Kindelein zuhause war großartig für mich. War ich zuvor ein echter Workaholic gewesen, durfte ich erleben, wie sich mein Leben verlangsamte. Ich wurde komplett entschleunigt und geerdet, durfte mich dieser einen Aufgabe, dem Muttersein, voll und ganz widmen und den Moment genießen.

Im August letzten Jahres kehrte ich in mein Amt als 2. Vorsitzende beim Berliner Hebammenverband zurück. Leider konnte ich diese Arbeit mit dem gewonnenen Abstand und den tiefen Einblicken, die man nach 8 Jahren in dem Job unweigerlich bekommt, nicht mehr fortsetzen. Meine Frustration mit der politischen Lage der Hebammen* in Deutschland im Allgemeinen und meine Enttäuschung über die Arbeit des Deutschen Hebammenverbandes im Besonderen führten zu dieser Entscheidung. Also trat ich Anfang diesen Jahres von meinem Amt vorzeitig zurück und überließ das Feld anderen, bis dato noch weniger desillusionierten Hebammen.

Parallel zu meiner Amtsaufgabe waren unsere Auswanderpläne zwischenzeitlich schon recht konkret geworden. Außerdem hatte ich im März eine umfangreiche Fortbildung in traditioneller Hebammenkunst begonnen. Das, gepaart mit dem immer größer werdenden Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit in unserem Leben, hat mich jetzt leider komplett überlastet. In meinem Kopf dreht sich alles.

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Ich möchte eine gute Mutter sein, mein Kind fördern, Anteil haben lassen, G mit Ruhe und Achtsamkeit durch den Tag begleiten. Das kostet ZEIT.

Gleichzeitig will ich den Haushalt so gut es eben geht meistern und T eine Entlastung sein, ihn hier zuhause versorgen und ihm ebenfalls mit einer Atmosphäre der Entspanntheit und liebevollen Präsenz begegnen. Dass er seit längerem schon den Brotjob übernimmt und ich dadurch einfach „nur“ Mutter und Hausfrau sein darf, dafür bin ich ihm zutiefst dankbar.

Die Sache mit der Hebammen-Fortbildung (THK) nagt die ganze Zeit an mir. Ich will lernen, lesen, recherchieren, zusammen schreiben, Konzepte erarbeiten, und gleichzeitig am liebsten in Vollzeit praktizieren, um das Erlernte in meine Hände zu bekommen. EinTag in der Woche bei meiner Kollegin S. in ihrer Sprechstunde reicht dafür einfach nicht aus.

Nicht zu vergessen unsere Auswanderpläne, das Englischlernen, die allgemeine Recherche rund um die vielen Eventualitäten, die ein so großes Projekt unweigerlich mit sich bringen. Daran geknüpft ist natürlich der Wunsch auch schon hier und jetzt ein gesünderes, nachhaltigeres Leben zu führen und nicht den Fehler zu begehen, alle positive Veränderung an das Auswandern und den Neuanfang in der Ferne zu knüpfen – schließlich nehmen wir uns ja mit und bei der vielen Arbeit und dem Stress, den wir bei der Auswanderung zu erwarten haben, muss ein gewisses Fundament schon hier verinnerlicht worden sein, sonst bringt uns das tolle Land um uns herum wahrscheinlich auch nicht das erhoffte Glück.

Ihr seht: viel zu viele Themen und kein Plan, wohin ich gerade meine Energien lenken soll. Der Effekt ist, dass ich alles nur halb und nichts so richtig schaffe und Achtsamkeit und Präsenz kann ich bei mir grad lange suchen! Ganz zu schweigen von den brach liegenden sozialen Kontakten (es ist mir schon ganz unangenehm, mehrere Freund_*innen warten seit längerem auf ein Lebenszeichen von mir und ich komme einfach nicht dazu, diese Liste auch noch abzuarbeiten. Mit der Folge, dass eine schöne Sache zu einer unangenehmen Hürde wird, die ich gerade einfach nicht genommen kriege.)

Langer Rede kurzer Sinn: So kann es einfach gerade überhaupt nicht weiter gehen. Ich muss mich endlich mal wieder erden, Prioritäten setzen, Ballast abstreifen.

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Wünscht mir Glück dabei!

*zur besseren Lesbarkeit verwende ich die weibliche Berufsbezeichnung, gemeint sind immer auch Entbindungspfleger

2 Kommentare bei „Zu viel im Kopf“

  1. „Gleichzeitig will ich den Haushalt so gut es eben geht meistern und T. eine Entlastung sein, ihn hier zuhause versorgen und ihm ebenfalls mit einer Atmosphäre der Entspanntheit und liebevollen Präsenz begegnen. Dass er seit längerem schon den Brotjob übernimmt und ich dadurch einfach „nur“ Mutter und Hausfrau sein darf, dafür bin ich ihm zutiefst dankbar.“

    Puh, an diesem Abschnitt habe ich eine ganze Weile genagt. Bei uns ist es so, dass ich im Moment auch „nur“ Mutter, Hausfrau und ALGI-Bezieherin bin, aber ich schaffe es nicht, das so wie du zu sehen. Ich bin ehrlich gesagt von der Care-Arbeit oft sehr ausgelaugt und sehne mich nach Brot-Arbeit und/oder einer klaren Perspektive. Statt liebevoller Präsenz gibt es hier viel zu oft ziemlich stickige Luft am Abend.
    Vielen Dank für diesen neuen Gedanken!

    1. Liebe Maria,
      es ist vielleicht einerseits Typsache, ob man eine Arbeit jenseits des Mutteralltags für seine Balance braucht oder nicht. Andererseits könnte eine Rolle spielen, ob man ein Kind oder mehrere Kinder versorgen muss. Denn seien wir mal ehrlich, die Minuten für einen ganz allein gehen ab dem 2. Kind bei den meisten Zuhause-Bleib-Elternteilen quasi gegen null, oder? Wenn man die Arbeit am Kind und im Haushalt an sich mag und gerne tut, abends der Akku aber einfach leer ist (Ich verstehe hier die Reizbarkeit als Alarmlämpchen) dann hilft es vielleicht, sich Unterstützung und kinderfreie Stunden zu organisieren bzw. mit dem Partner/der Partnerin/* nochmal zusammen zu überlegen, welche Form der Entlastung möglich ist? Ich wünsche dir viel Kraft und gutes Gelingen beim Finden deiner eigenen Balance.

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