Streicheln verboten!

Was ich tue, wenn eine (relativ) fremde Person ungefragt mein Baby streichelt? Das kommt darauf an, wie Klein-M auf die Berührung reagiert…

Wer kennt das nicht: Das Baby ist nicht mehr ganz so neugeboren und zerknautscht wie ganz am Anfang, sondern hat sich zu einem reizenden Wonneproppen entwickelt, der mal skeptisch, mal strahlend zu den Personen in seinem Umfeld in Beziehung tritt. Und es wird sie wohl immer geben, diese Leute, die dem inneren Glaubenssatz folgen, ein Baby anzufassen bedarf keiner Erlaubnis oder Ankündigung. Als würde man eine streundende Katze streicheln oder so in der Art. Meist passieren uns solche Situationen in Bezug auf die Kleine aus der geschützten Position eines Traglings heraus – sprich auf meinem Arm oder sogar in der Trage.

Doch auch dieser Schutzraum ist nicht so absolut, wie ich es mir manchmal wünschen würde und so muss ich mit meinem Verhalten und sozialer Interaktion dafür sorgen, dass Klein-M´s Grenzen gewahrt bleiben und sie gleichwürdig und mit Respekt von anderen Menschen behandelt wird.

Wie geht das nun konkret?

Fall 1: Eine Person berührt oder streichelt mein Kind und die kleine Dame zeigt deutlich durch Grimasssieren, Kopf-Wegdrehen oder sogar Meckern, dass ihr das missfällt. Dann ist die Sache völlig klar: Ich kommentiere möglichst ruhig und sachlich, dass die Kleine wohl gerade nicht angefasst werden mag, und gehe auch körperlich etwas auf Distanz zu der Person. Normalerweise hat sich das Thema dann auch erstmal erledigt.

Fall 2: Es kann aber auch passieren, dass Klein-M Interesse an der anderen Person hat und die Berührung gelassen über sich ergehen lässt, ohne dass ich den Eindruck bekäme, sie beschützen zu müssen. Da ich jedoch grundsätzlich das ungefragte Anfassen eines anderen Menschen als ein Übertreten der persönlichen Grenzen empfinde, habe ich den Impuls irgendwie korrigierend einzugreifen.

Meinem Gegenüber jetzt verbal auseinander zu legen, dass ich es kritsch sehe, was er/sie* da gerade tut, hat mich in der Vergangenheit eher in Distanz mit den Menschen gebracht. Es entstand eine Trennung, ein Gekränktsein vielleicht, oder einfach der spürbare Unwille, das eigene Handeln zu hinterfragen, sodass ich davon wieder abgekommen bin.

Statt dessen nutze ich jetzt auch hier den schon für Kleinkinder goldenen Leitsatz „Handeln statt Reden“. Ich schaue der Person direkt in die Augen und lege meine Hand liebevoll kosend an ihre Wange oder streiche ihr sanft über die Haare. So als wenn ich ganz selbstverständlich davon ausgehen würde, dass dies gewünscht und in Ordnung ist, da sie selbst ja Körperkontakt zu unserer Mutter-Kind-Einheit aufgebaut hat. Ich habe schon einige erstaunte Gesichtsausdrücke beobachten können, mal ein Zurückschrecken, ein geistig beeinträchtigtes Mädchen schob meine Hand direkt vom Kopf hinunter auf ihre Schulter und zeigte deutlich IHRE Grenze, wo sie die Berührung in Ordnung findet. Das fand ich beeindruckend.

Ist diese Art der Reaktion nun ebenfalls übergriffig? Ich denke schon. Ist sie provokant? Mit Sicherheit. Ich entscheide mich bewusst dafür, so zu agieren. Denn dadurch bekommt der Mensch, der ungefragt Körperkontakt zu meinem Baby aufbaut, eine prompte, unmissverständliche Antwort, die ihn im besten Falle ins Grübeln darüber bringt, was er/sie* bei Babys so für selbstverständlich hält.

Während ich darüber schreibe, fällt mir tatsächlich noch eine dritte Möglichkeit ein, die vielleicht sogar noch besser ist, da sie alle persönlichen Grenzen wahrt – was allein ja schon etwas ist, was sich vorzuleben lohnt – und gleichzeitig die Tatsache deutlich macht, dass auch ein junger Mensch ein gleichwürdiger Beziehungspartner ist. Ich stelle mir vor, neutral und zugewandt mit dem Baby zu reden und etwas zu sagen wie: „Oh, die fremde Frau streichelt dich im Geischt. Magst du das?“ oder „Wenn du das nicht magst, gib mir Bescheid, dann sage ich ihr, dass sie aufhören soll.“ Oder etwas in die Richtung. Vielleicht könnte die Botschaft so verpackt ja friedvoller aufgenommen werden als wenn ich mich direkt zwischen die beiden stelle und die Handlung stoppe, obwohl Klein-M nicht unzufrieden wirkt? Ich glaube, das probiere ich bei nächster Gelegenheit einfach mal aus.

Bei Familienangehörigen und näheren Bekannten / Freund*innen reagiere ich übrigens weniger streng. Natürlich schütze ich mein Kind auch hier immer, wenn ich spüre, dass sie nicht einverstanden ist mit dem Berührtwerden. Aber da ich ihnen den Zugang und Beziehungsaufbau zu meiner Tochter nicht künstlich erschweren möchte, halte ich es bei uns vertrauten Menschen für passender, diese Form der Zuneigung einfach geschehen zu lassen und achtsam dafür zu sein, wenn Klein-M doch Ablehnung signalisiert und meine Hilfe braucht.

Ältere Kinder wiederum fordere ich gerne dazu auf, dem Baby zu sagen, was sie tun wollen (Streicheln, Hochheben usw.) und darauf zu achten, wie es sich verhält. Da helfe ich dann beiden Seiten durch das Beschreiben dessen, was ich sehe, einen respektvollen Umgang miteinander zu erlernen.

Wie geht es euch? Kennt ihr diese Situationen auch, in denen jemand ohne Vorwarnung „handgreiflich“ wird? Wie handelt ihr, um die Grenzen eurer Schützlinge zu wahren?

2 Kommentare bei „Streicheln verboten!“

  1. Ich finds immer krass, wieviele Mamas berichten, dass ihre Kinder einfach angefasst werden. Meine Tochter wurde in 9 Monaten nie einfach angefasst 😅

    Obwohl ich nie was sage. Vielleicht strahle ich es unbewusst aus 😀

    Wobei ich prinzipiell sehr locker bin 🤷‍♀️

    Aber ich denke, deine letzt-genannte Strategie klingt ganz gut und so mache ich es auch oft (z.B. wenn Motte weint, in der Fremdel-Phase).

  2. Hallo,
    meine drei Kinder sind mittlerweile erwachsen und ich hatte eigentlich nie das Problem mit dem Anfassen.
    Ich würde zu einer Notlüge wie dem Erfinden einer ansteckenden Krankheit greifen:“Oh, sie hat gerade Windpocken/ Krätze/ Beulenpest, passen sie lieber auf.“ Das sollte – zumindest bei Fremden – erstmal zu einem Zurückschrecken führen.
    Alles Gute.
    Stefanie

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