Splitter im Auge

Letztens beim Turnhallenfest wurde mir mal wieder bewusst, wie anders als die anderen Eltern ich doch mit (meinen) Kindern umgehe. Und dass die Ideen von so wundervollen Vorreiterinnen wie Emmi Pikler und Magda Gerber wohl lange noch nicht Einzug in den Mainstream gehalten haben.

Was ich damit meine, das sind die Eltern, die ihre Einjährigen an beiden Händen über den Boden und auf Balancierbalken herum schleifen, obwohl diese noch meilenweit davon entfernt sind, selbst die Balance zu halten. Oder sich über Rückenschmerzen beklagen, nachdem sie ihr Kind wieder und wieder die Rutsche hinunter gezog-halten haben, weil es ihm doch so viel Spaß macht. Oder diejenigen, die ständig damit beschäftigt sind, ihr Baby zu unterhalten oder ihm zu „erklären“, wie es dieses oder jenes Spielzeug benutzen soll. Nein, sie wissen es nicht besser, können es scheinbar nicht ändern, aber sie machen sich auch nicht auf die Suche nach neuen Wegen, wiederholen völlig unreflektiert, was ihnen selbst widerfuhr oder wie es die Freundin macht.

Es bestürzt mich zu sehen, wie wenig Vertrauen diese Menschen in ihre Kinder haben. Dass diese doch genau wissen, was sie da tun. Einem inneren Bauplan folgend, stets die Beschäftigungen suchen und die Bewegungen ausführen, die ihrem Entwicklungsstand am besten dienen.

Immer dieses Gefühl, das, was das Kind kann und tut, ist nicht genug. Immer schon den nächsten Meilenstein auf der Agenda, im Kopf bereits zwei Schritte voraus – anstatt im Hier und Jetzt zu genießen, was ist.

Wir werden heutzutage immer älter. Achtzig, neunzig Jahre können es sein, die wir auf dieser Erde verbringen. Was macht es da für einen Unterschied, ob wir mit 6 oder mit 9 Monaten lernen zu sitzen. Ob wir mit 12 oder 16 Monaten die ersten Schritte tun. Der Unterschied, der sich in unserer Seele abzeichnet, ist der, ob wir dies in unserem eigenen Tempo und aus eigener Kraft heraus schaffen durften. Oder ob wir dabei gedrängt, gezogen oder gezerrt und abhängig gehalten wurden von den Händen der Großen.

Ja, ich glaube, das macht wirklich den größten Unterschied. Und darum bemühe ich mich auch so, mich in Zurückhaltung zu üben. Meine Kinder ihren einzigartigen Weg gehen zu lassen und bloß als Begleiterin dabei zu stehen, für den Fall, dass sie meine Hilfe tatsächlich einmal brauchen.

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