Das Weinen begleiten

Säuglinge, die genug geweint haben, können zu gewissen Zeiten allein spielen und brauchen nicht ununterbrochen Aufmerksamkeit. Sie schlafen ruhig, aber nicht zu viel und essen nur das, was ihnen guttut. Sie weinen heftig, wenn es nötig ist, vorausgesetzt es gibt ihnen jemand die notwendige Aufmerksamkeit. Nach dem Weinen sind sie wieder froh und rundum zufrieden. Säuglinge, auf die diese Beschreibung nicht passt, müssen noch mehr weinen.

Aletha J. Solter – „Warum Babys weinen“

Es gibt zwei Begriffe, die auf den ersten Blick vielleicht ähnlich klingen mögen, in Wahrheit könnte ihre Bedeutung jedoch nicht unterschiedlicher sein:

Ein Kind schreien lassen. ODER Ein Kind beim Weinen begleiten.

In den Elterngehirnen der jetzigen bindungsorientierten Generation ist ersteres ungefähr das Schlimmste, was man seinem Baby antun kann. Es allein lassen in einer seelischen Not, ihm Zuspruch und Fürsorge verwehren, wenn es diese am dringensten braucht. Viele Ratgeber und Artikel sind dazu erschienen, wie der Stress im Kind ins Unermessliche ansteigt, seine gesamte Hormonlage aus den Fugen gerät, und dann schließlich als Akt der Resignation und/oder totalen Erschöpfung endlich (scheinbare = äußerliche) Ruhe eintritt. Und der „Lernerfolg“ des Schreienlassens, dieses Ruhigwerden wird dann leicht zu einem Dauerzustand infolge der „Einsicht“, dass das eigene Schreien keine Beachtung findet, das Bedürfnis nach Geborgenheit und Schutz nicht wichtig genug ist, um beantwortet zu werden.

Zurecht wehren sich junge Eltern gegen diese Behandlung ihrer Kinder, zurecht werden Bücher wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ und andere Befürworter*innen des einstmals so gängigen Ferberns in die Schublade der schwarzen Pädagogik gesteckt und nicht wieder heraus gelassen.

Allerdings – und jetzt kommt die Crux an der Geschichte – ist in vielen Köpfen gleich noch etwas in dieser Schublade gelandet. Und damit meine ich, dass es sicherlich hunderte, wenn nicht sogar tausende Eltern da draußen gibt, die meinen, die Untat ihr Kind „schreien zu lassen“ wäre gleichbedeutend mit der Tatsache, dass ihr Kind nicht weinen dürfe. Dass ein glückliches, zufriedenes Baby nicht zu weinen braucht und dass weinen als solches quasi schädlich ist. Etwas, das es so schnell wie möglich abzustellen und zu unterbinden gilt.

Schlimmer noch: Dass jedes Weinen des Kindes heißt, dass ihm jetzt und hier etwas fehlt, ein Bedürfnis nicht befriedigt wird und wir als Eltern doch verstehen müssten, welches das ist. Wir also im Grunde Schuld daran sind, wenn unser Kind viel und häufig weint.

Was für eine furchtbare Last auf den Schultern der gebeutelten Eltern, was für ein Missverständnis der Bedeutung des Weinens für unsere Babys! Das Weinen als solches erfüllt für das kleine Kind einen wichtigen Zweck, genau genommen sogar zwei: Erstens ist es Kommunikationsmittel. Durch das Schreien teilt sich das Kind seinen Eltern mit und erregt so ihre Aufmerksamkeit. Darum ist es auch so wichtig, auf das Weinen unserer Kinder prompt genau damit, also mit unserer Aufmerksamkeit, zu reagieren. Wir wenden uns dem Kind zu und versuchen zu verstehen, was es uns gerade „sagen“ will.

Zweitens – und dies ist in unserer Gesellschaft für mein Empfinden gar nicht richtig präsent – ist das Weinen eine Möglichkeit für den Menschen, negative Gefühle und Empfindungen auszudrücken und diese zu v e r a r b e i t e n. Es dient der sogenannten Entlastung von unangenehmen Zuständen und damit erklärt sich schon, dass es nicht im Sinne des Erfinders (der Natur) ist, dem Weinen immer sofort und uneingeschränkt Einhalt gebieten zu wollen.

Aletha Solter schreibt dazu in ihrem Buch „Warum Babys weinen“:

Wahrscheinlich ist der einzig schwerwiegende Irrtum, dem Eltern unterliegen, der, dass sie davon ausgehen, dass jedes Weinen ein direktes Bedürfnis anzeigt. Die Hauptmitteilung dieses Kapitels und des ganzen Buches ist die, dass Säuglinge auch aus anderen Gründen weinen. Es wurde beobachtet, dass das Weinen bei Neugeborenen nur zu ungefähr einem Drittel mit einem aktuen Grund in Zusammenhang steht.

Die Schlussfolgerung die ich aus der Lektüre dieses Buches und auch aus dem Ratgeber Brigitte Hannigs „Schreiende Babys – Ratlose Eltern“ mitgenommen habe, bringt augenblicklich eine unglaubliche Entlastung in den Alltag mit einem Säugling: Wenn ich mir (einigermaßen) sicher bin, dass alle dringenden Bedürfnisse des Kindes erfüllt sind – und dazu zählen Nahrung, Wärme, Schlaf, Körperkontakt – brauche ich n i c h t s w e i t e r zu t u n. Ich helfe meinem Kind am allerbesten, indem ich für es d a b i n. Kein Aktivismus ist vonnöten, ja er ist eher hinderlich für das Kind, sich von seinen negativen Emotionen und Spannungen zu entlasten. So habe ich unser Mädchen in diesen ersten unruhigen Monaten – wann immer ich die Zeit und Möglichkeit hatte, ihr Weinen zu begleiten – nicht aktiv zu beruhigen versucht. Etwa durch Ablenkung wie Herumtragen, Wiegen, Auf-dem-Ball-Hopsen, Fönen, Singen, Summen usw.

Statt dessen habe ich mir eine bequeme Position gesucht und mein Baby fest im Arm gehalten, ihm Halt und Geborgenheit gegeben und ihm signalisiert, dass es in Ordnung ist zu weinen und all den Stress heraus zu brüllen, der in dem kleinen Organismus steckt.

Am Anfang war es recht einfach, denn in den ersten zwei Wochen dauerte das Weinen selten länger als 5 bis 10 Minuten an. Danach schlief Klein-M entspannt auf meinem Arm ein und da sie meist am Abend schrie, folgte recht bald eine lange Schlafphase auf den Stressabbau. Was mich sehr darin bestätigte, dass ich genau das Richtige tat.

Danach kam eine Zeit, in der ich doch etwas unsicher wurde. M weinte nun abends deutlich länger, eher 30-60 Minuten am Stück und schrie sich so richtig die Seele aus dem Leib. Auch tagsüber nahm ihr Weinen deutlich zu und ich verbrachte bald immer mehr Momente mit ihr auf dem Arm. Daraufhin verfiel ich kurzzeitig (für ein paar Tage) in mein antrainiertes Muster, das Baby doch beruhigen zu wollen. Ich fing an, sie öfter zu stillen, woraufhin sie mehrmals richtig ordentlich alles wieder ausspuckte. Ich trug sie mehr im Tragetuch oder einfach so durch die Wohnung, wippte mit ihr im Sessel vor und zurück.

Diese Versuche, sie zu beruhigen, hatten mal mehr, mal weniger direkten Erfolg. Immer jedoch dauerte ihre Ruhe nach einer solchen Aktion nur kurz, mal 10, mal vielleicht 20 Minuten an. Danach verfiel sie wieder ins Weinen und mir kam es so vor, als würde sie daraufhin nur noch doller und auch noch länger schreien, um die Irritation des Beruhigt-Worden-Seins gleich mit zu verarbeiten.

Ich schöpfte wieder neuen Mut, dass ich doch eigentlich schon auf dem richtigen Weg gewesen war und ging wieder dazu über, sie einfach zu halten, ihr meine Nähe, Präsenz und hundertprozentige Aufmerksamkeit zu schenken. Und das fühlte sich genau richtig an. Es war eine wichtige Arbeit, die ich da tat. Ein Liebesdienst, der mich forderte und zugleich irgendwie stolz und glücklich machte. Und vor allem: meine eigenen Energiereserven schonte. Denn ich musste sie nicht herum tragen, musste mir keine Aktionen ausdenken, um sie vom Schreien abzuhalten, war nicht ständig in Hab-Acht-Stellung, dass ihr etwas fehlte, was ich durch irgendein T u n meinerseits ausgleichen müsste. Ich konzentrierte mich darauf, bequem zu sitzen, zu entspannen, tief zu atmen, wann immer ich mich irgendwie angespannt oder kurzatmig fühlte.

Es war ein spannender Prozess durch und durch. Zu Anfang, als ich noch nicht ganz so sattelfest war, brachte es mich leichter aus der Ruhe, wenn wir Besuch hatten oder Klein-M unterwegs zu weinen anfing. Aber auch das konnte ich nach und nach immer besser abschütteln und erkannte, was ich für einen wertvollen Beitrag auch für andere Menschen und die Gesellschaft leiste, wenn ich meinem Gefühl und meiner Überzeugung hier treu blieb und mein Kind beim Weinen begleitete, wenn sie es brauchte.

Interessant war es dann zu beobachten, wie Außenstehende darauf reagierten. Wie sie schnell mit guten Ratschlägen und Vermutungen für den Grund der Unruhe zur Hand waren. Ob sie Hunger hatte? Der Bauch weh tat? Sie müde sei? Und ich antwortete – wenn ich diese akuten Gründe recht sicher ausschließen konnte (was mir natürlich auch von Woche zu Woche besser gelang) – dass sie einfach gerade das Bedürfnis habe zu weinen und Stress abzubauen. Ich glaube, ich erntete einige skeptische Blicke, aber wenn Klein-M dann zehn Minuten später tief und fest auf meinem Arm eingeschlummert war, wurde klar, dass weder Hunger, noch Bauchweh noch sonst eine akute, körperliche Ursache sie zum Weinen gebracht hatte, sondern sie einfach nochmal Dampf ablassen musste, bevor sie entspannt in den Schlaf sinken konnte. Oder wenn sie statt einzuschlafen nach ein paar Minuten fertig war mit ihrem Geschrei und glücklich und zufrieden wieder am Leben teilnahm, als wäre nichts gewesen. Auch das kam mit zunehmendem Alter immer häufiger vor und bestärkte mich abermals in meinem Weg.

Und noch ein letzter, erwähnenswerter Aspekt, den ich enorm wichtig finde bei dem ganzen Thema: Dadurch, dass ich meinem Kind erlaube, seine Gefühle auszudrücken, sich mitzuteilen und es nicht daran hindere zu weinen, lernt es ganz von selbst, seine Emotionen zu regulieren und wird nicht abhängig von sogenannten Ersatzbefriedigungen. Es wird nicht daran gewöhnt, den Schnuller oder die Brust zur Beruhigung zu „brauchen“, es schläft auf dem Arm ein und „braucht“ nicht das Wippen, Schuckeln oder gar nächtliches Autofahren um den Block. Dies sind alles antrainierte, falsche oder künstlich erzeugte „Bedürfnisse“, die es gar nicht erst wieder leidvoll „abtrainiert“ bekommen muss, wenn es für die Eltern dann irgendwann doch zu anstrengend wird, was sie da eingeführt haben.

Diese Ersatzbefriedigungen werden von A. Solter auch „Kontrollmuster“ genannt, welche das Kind mit der Zeit annimmt und irgendwann selbst einfordert, um das Weinen zu unterdrücken. Ein Teufelskreis, dem wir von vornherein keine Nahrung geben, wenn wir unseren Kindern ihr Weinen wieder zugestehen, sie ehrlich und aufrichtig darin begleiten und unterstützen, sich selbst zu entlasten und zu regulieren. Für uns war es ein aufregender, lohnender Weg bis hierhin. Und auch wenn Klein-M nun, mit ihren knappen 4 Monaten, kaum noch weint, weiß ich doch immer genau, was zu tun ist, wenn sie es eben doch mal wieder braucht.

Hinsetzen. Bequem machen. Tief atmen. Zuhören. Da sein.

Links:

Leseprobe „Schreiende Babys – Ratlose Eltern“ von Brigitte Hannig

2 Kommentare bei „Das Weinen begleiten“

  1. Hm das kann ich so nicht ganz bestätigen.

    Unsere Motte hat abends viel geschrien. 6 Stunden waren Rekord. Meist haben wir es auch mit „aushalten“ versucht. Das waren dann die 6 Stunden.

    Seit wir auf dem Pezziball sind, dauert es vllt 10 Minuten. Und nun, sie ist 8,5 Monate, brauchen wir ihn zum beruhigen gar nicht mehr. Ohne es „abzutrainieren“ (was mir von vielen prophezeit wurde, sie würde es ja nie ohne lernen).

    Ich vermute, ihr tat die rhythmische Bewegung gut. Sie ist noch viel zu klein, um sich selbst zu regulieren und sehr sensibel auf äußere Einflüsse. Da ist bekanntes ja gut (nah am Körper, Bewegung, wie im Bauch eben).

    Natürlich ist es nicht schlimm, wenn Babys mal weinen, solange man da ist. Aber bei uns half „einfach aushalten“ halt gar nicht, zumal wir selbst es nicht aushielten (natürlich besteht da evtl. ein Zusammenhang 😉 ).

    Ich glaube, jede Familie sollte da auf ihr Bauchgefühl hören und den eigenen Weg finden, ohne Rechtfertigung 🙂

    1. Liebe EsIstJuli,
      hab Dank für deinen bereichernden Kommentar!
      Wahnsinn, 6 Stunden?! Nein, so lange hätte ich wohl auch niemals durchgehalten. Wie du meinem Bericht entnehmen kannst, war bei mir die Schwelle schon nach einer guten Stunde erreicht, wo ich das Gefühl hatte, jetzt doch irgendetwas tun zu müssen.

      Interessant, was du über die mögliche Wechselwirkung zwischen deiner inneren Haltung und dem Weinen deines Kindes ansprichst. Ich kann mich an einige Male erinnern, wo unsere Kleine sich auch gar nicht beruhigen konnte – und das waren meist Situationen, in denen ich entweder äußerlich (Besuch, fremde Umgebung) oder innerlich (genervt,erschöpft) unbedingt wollte, dass sie aufhört zu weinen. Und das hat scheinbar so eine Spannung in mir erzeugt, dass sie dann erst recht noch mehr aufgedreht hat.

      Ich glaube übrigens nach den Erfahrungen mit der Kleinen nicht mehr, dass alle Babys sich grundsätzlich nicht selbst regulieren können. Es sei denn, Körpernähe und Gehaltenwerden zählt da schon als Fremdregulation. Diese kleinen Wesen können doch oft so viel mehr, als wir ihnen zutrauen…
      Und was das Etablieren von anstrengenden Pseudobedürfnissen angeht, kann man sicherlich Glück haben und sie verwachsen sich irgendwann von selbst. Aber ich kenne leider auch Fälle, wo z.B. noch das anderthalbjährige Kleinkind jeden Abend mit dem Fön anpepustet oder im Auto in den Schlaf gefahren wird, weil es „sonst nicht einschläft“ bzw die Eltern es nicht aushalten, dass es sonst so schlimm weint.

      So wie du es beschreibst, seid ihr mit dem Thema des Haltgebens und Weinenbegleitens schon deutlich weiter als viele Eltern in meinem Umfeld, ja als ich es selbst bei Nr. 1 gewesen bin (da habe ich trotz theoretischem Wissen mehr meine eigene Biographie übertragen, glaube ich). Und dass es dann wie immer kein Schwarz oder Weiß, sondern viel Grau bzw. Bunt im Leben gibt, wie man im Einzelfall je nach Kind, Situation und eigenen Ressourcen entscheidet, ist hoffentlich klar 🙂

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