Zwei Welten

Nur drei Tage nach unserem letzten Gemeinschaftstreffen, bei welchem ich das Gefühl hatte, als würde unsere Gruppe gerade schon etwas intensiver zusammenrücken, bekam ich einen unerwarteten Anruf: Eine Familie aus einem Nachbarort sucht noch für dieses Jahr bis zu 20 Menschen, die gemeinsam mit ihnen einen ausbaufähigen Bauernhof erwerben und bewohnen möchten.

Mein erster Impuls war: Waaaas? Das kommt doch viel zu früh! Wir sind noch gar nicht so weit!

Ich hatte extreme Bedenken bei der genannten Zeitschiene, denn es braucht für dieses Objekt wohl bereits eine Entscheidung und Finanzierungslösung bis zum kommenden Herbst.

Außerdem klang es bei meinem Telefonat mit dem Initiator nicht so richtig danach, als würden die Leute dort wirklich ein Gemeinschaftsprojekt im Sinn haben, so wie wir.
Aber dann versuchte ich das Ganze mal von einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten und fragte mich: Kann so ein von außen geschickter, konkreter Anlass vielleicht Prozesse in unserer Gründungsgruppe auf eine positive Art und Weise katalysieren, für die wir sonst möglicherweise Jahre lang theoretisch rumeiern würden? Und kann die Notwendigkeit zu einer baldigen Entscheidungsfindung uns vielleicht sogar dabei helfen, schneller mehr Klarheit in unser Vorhaben zu bekommen, als wenn wir nur immer wieder die Was-wäre-wenns durchkauen würden?

Dann waren da auch noch die Details, die ich über das Objekt selbst bekommen hatte: Zum Beispiel klang die Umgebung sehr vielversprechend, denn in direkter Angrenzung an das Grundstück, befindet sich wohl ein Naturschutzgebiet mit einem großen See. Am Ort gibt es zusätzlich noch einen großzügig angelegten Park mit tollem Abenteuerspielplatz und sowohl Bahnstation als auch kleinere Geschäfte lägen in Radfahrnähe.

Es hieß, dass schon ein Mann vom Fach (Bauberatung & Architektur für derartige Großprojekte) mit im Boot sei, der sogar Erfahrung mit Mietshaussyndikat-Projekten und anderen Genossenschaftskonstellationen hätte. Ohne das überbewerten zu wollen, dachte ich doch insgeheim: Das klingt zu schön um wahr zu sein…

Geeignetes Objekt mit knowhow zum Finanz- und Bauplan meets bewusste Gemeinschaft ohne festen Wohnsitz

Also dachte ich mir: Was können wir schon verlieren? und teilte die Anfrage sogleich mit den anderen. Es bildete sich auch ganz schnell eine sechsköpfige Truppe aus unseren Reihen für diesen Anlass.

Tja und dann kam auch schon der Sonntag und mit ihm das freudig erwartete Kennenlernen, dicht gefolgt von völliger Ernüchterung meinerseits. Der größte Teil unseres Stoßtrupps traf sich erst mal bei uns zum Mittagessen und fuhr dann gemeinsam in den Nachbarort.

Dort wunderte ich mich schon ein bisschen über die Vielzahl an anderen Teilnehmer*innen – am Telefon war von 4 oder 5 interessierten Menschen die Rede gewesen. Jetzt standen hier eher 15 Leute plus uns sechs von miazamma.

Nach der ersten Begrüßung gab es ein kurzes moderiertes Spielchen, wo man sich je nach Antwort entsprechend beieinander aufstellen sollte.
Es kam nach so (für mich eher uninteressanten) Dingen wie z.B. „Wie lange seid ihr schon im Allgäu?“ und „Wo habt ihr vorher gelebt?“ oder „Wer hat schon mal in einer WG gewohnt?“ zwar auch die Frage dran „Wer sucht mehr als eine reine Nachbarschaft?“ (sprich: so etwas wie eine tiefer gehende Gemeinschaft). Da waren T und ich jedoch mit noch einer unserer Mitstreiterinnen tatsächlich die einzigen, die sich ans sichtbare Ende des Spektrums platzierten. Alle anderen gruppierten sich irgendwo weiter weg davon ein, besonders auch das Initiatoren-Paar. Da war eigentlich schon alles klar, würde ich sagen. Hier würden wir nicht finden, was wir suchten.

Wir gingen dann einmal über den Hof und ich bemitleidete die eingepferchten Kühe und Hühner, die hier wenig glücklich vor sich hin zu vegetieren schienen. Im Anschluss gab es dann die eigentliche Infoveranstaltung mit reichlich Input von seiten der Gastgeber*innen.

Es drehte sich alles um die Sachlage, das Grundstück, das Haus, die Möglichkeiten des Ausbaus. Schließlich auch um die Finanzierungsmodalitäten und die Zeitschiene. Alles in allem eine wirklich oberflächliche Veranstaltung, bei der mir mit jeder Minute klarer wurde, dass hier einfach 2 verschiedene Welten aufeinander treffen. Und ich war in meiner eigenen Welt verhaftet und konnte mich kaum auf die Inhalte dieser anderen Seite einlassen. Sie waren für mich nicht im mindesten relevant, solange der zwischenmenschliche Kontakt so gar nicht zu spüren war.

Leider war ich durch die Mitfahrgelegenheit an die anderen gebunden und wollte ihnen auch nicht die Chance nehmen, ihre persönliche Neugier vollständig zu befriedigen. Vielleicht konnte ja doch noch etwas Wertvolles aus diesem Treffen gezogen werden, auch wenn ich mich hier völlig fehl am Platze fühlte.

Also verbrachte ich den Rest des Nachmittags überwiegend mit G im Garten draußen und unten am See, während mein Liebster leider ins Krankenhaus gerufen wurde und mit dem Motorrad davon düsen musste.

Als das Treffen gegen 18 Uhr endlich vorbei war, fuhr unsere Gruppe mit einem ganz klaren „Nein“ im Gepäck nach Hause. Weder der Ort noch die Aussichten der Projektverwirklichung hatten uns überzeugen können.

Mir wurde wieder einmal ganz deutlich bewusst, wie besonders unsere Vision und auch unsere Herangehensweise daran zu sein scheint.

In einem vom Individualismus und Kapitalismus geprägten System ist unser Versuch, echte Verbundenheit und authentische Gemeinschaft zu kreieren, (noch) die extreme Ausnahme. Wenn ich mich dann so in dieser Gemeinschaftsblase aufhalte, schockiert mich die Begegnung mit der vorherrschenden Realität da draußen doch immer wieder aufs Neue.

Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, ist ein so wichtiger Bestandteil meiner inneren Haltung und Persönlichkeit geworden, dass es mich richtig Kraft kostet, mich in der anderen – ich nenne sie „die alte Welt“ – zu bewegen und aufzuhalten.

Insgeheim bin ich schon sehr erleichtert, dass es dieser Hof jetzt so eindeutig nicht gewesen ist und wir uns erst einmal wieder ganz auf das konzentrieren können, was unsere eigentliche Aufgabe momentan ist: als Gruppe zusammen wachsen, unsere Ausrichtung und unser Konzept konkreter kriegen, wichtige Grundsatzfragen miteinander beantworten.

Alles weitere kommt dann schon zur rechten Zeit. Ich denke, ich werde mich so schnell nicht mehr ablenken und von diesem Weg wegziehen lassen. Denn hier bin ich richtig. Hier fühl ich mich lebendig und wirksam und verbunden. Der Rest sind in meinen Augen Oberflächlichkeiten, die sich dann schon finden werden, wenn es so weit ist.

Schreibe einen Kommentar

*