Gedanken zur bevorstehenden Geburt

Heute wird es sehr persönlich, vielleicht auch etwas melancholisch, in jedem Falle wohl lang. Melancholisch deswegen, weil ich in den letzten Tagen mehr und mehr spüre, dass ich mir im Grunde meines Herzens einfach ein schöneres Geburtserlebnis wünsche als beim ersten Kind, aber nicht so genau weiß, ob und was ich dafür tun kann, dass dies auch eintritt.

Zur Erläuterung lasse ich heute mit euch mal meine erste Geburt ein wenig Revue passieren.

Ich hatte eine sehr entspannte Schwangerschaft damals. Eine vorbildlich geringe Arbeitslast, keine Rufbereitschaft mehr, kaum Stress. Alles sah rosig aus und meine langjährige Freundin und ihre Kollegin standen quasi ab Tag 1 zur Hausgeburt für mich bereit. Das war ein sehr beruhigender Zustand und ich machte mir überhaupt keine Sorgen in Hinblick auf die Geburt.

Verhältnismäßig früh hatte ich alles fertig, was man so für Geburt und Wochenbettszeit wohl fertig haben konnte. Als hätte ich es unbewusst irgendwie geahnt, dass mir die gängige Mutterschutzfrist nicht mehr für letzte Vorbereitungen zur Verfügung stehen sollte, hatte ich in der 33. Woche alles bereit bzw. gepackt und war im Grunde startklar.

Dies zeigte sich kurz darauf als nahezu schicksalshaft, denn am Morgen des ersten Tages meiner 35. Schwangerschaftswoche platzte mir leider aus heiterem Himmel vorzeitig die Fruchtblase und alle Wünsche und Pläne in Bezug auf Ablauf, Ort und Begleitung bei der Geburt waren mit einem Mal zunichte gemacht. Meine Hausgeburtshebamme informierte ich als allererste, rief dann noch mit wenig Hoffnung in unserer Backup-Klinik an, aber deren Antwort war mir schon vorher klar: ohne angeschlossene Kinderstation war auch dort an eine sichere Geburt in der 34+1 SSW nicht zu denken.

Ich telefonierte daraufhin kurz mit meinem Mann, der sich zum Glück schon auf dem Heimweg (vom Nachtdienst) befand und legte mich mit Binden zwischen den Beinen und Herztonabhörgerät am Bauch ins Bett zurück.

Der Liebste war 20 Minuten später bei mir und gemeinsam riefen wir den Krankenwagen für den Transport in die Großklinik mit dem besten Ruf unter uns Hebammen in der Stadt – wenn schon in einer sogenannten Level-1-Geburtsfabrik-klinik, dann wollte ich doch am ehesten dort entbinden.

Blöderweise hatte ich mich nur in meiner Backup-Klinik vorher angemeldet, nicht aber in einem größeren Haus mit Neonatologie. Das stellte sich nun als Fehler heraus.

Denn man sagte mir schon auf der Türschwelle, dass ich ohne Voranmeldung hier nicht würde entbinden können. Herztöne und Muttermund wurden zwar netterweise zügig kontrolliert, der Blasensprung auch bestätigt, aber dann wurde ich auch schon gefragt, wohin ich denn jetzt gerne verlegt werden wollte.

Tja, um ehrlich zu sein, war es mir ab diesem Zeitpunkt völlig egal. Denn Plan A, B und sogar Plan C hatten sich als nicht durchführbar erwiesen. Da konnte ich jetzt auch wirklich an jedem Ort in der Stadt mein Kind bekommen, wo man mich aufnahm. Wir nannten dann das Krankenhaus, dass von unserer damaligen Wohnung am kürzesten entfernt lag und den einzigen Vorteil hatte, dass eine Freundin von mir dort gerade ihre Hebammenausbildung absolvierte.

Das entpuppte sich dann auch als großes Glück im Unglück, denn diese Freundin konnte sich tatsächlich zu mir in den Kreißsaal begeben. Also gab es – außer meinem Mann natürlich – wenigstens ein vertrautes Gesicht bei der Geburt.

Die Geburt selbst erlebte ich dann wie in einem Film im Zeitraffer. So um 11:30 Uhr kam ich also mit den ersten leichten Wehen im Kreißsaal an, gegen 13:00 Uhr war das Aufnahmeprozedere mit diversen körperlichen Untersuchungen, Ultraschall, Antibiotikagabe und dem ganzen Papierkram erledigt und ich durfte mit zunehmender Wehentätigkeit in eins der Gebärzimmer einziehen.

Um 14:00 Uhr wurde es mit einem Schlag intensiver mit meinen Wehen und die Zeit bis 14:30 Uhr, welche die Geburtszeit unseres Kleinen war, verlief insgesamt dann doch sehr hektisch. Die Herztöne fielen zunächst sehr drastisch ab und erholten sich auch nicht mehr – der Druck aufs kleine Frühchen-Köpfchen war durch die rasante Geburt wohl leider zu stark. Hebamme, Ärztin, Oberärztin und Kinderärztin füllten den Raum. Ich bekam eine Betäubungsspritze in den Damm, dann wurde oben vom Bauch her von einer Ärztin gedrückt (kristellert), während unten zuerst der Dammschnitt gesetzt und dann das Baby mit der Saugglocke heraus gezogen wurde.

Dass es ein Junge war, bekam ich noch irgendwie mit, dann wurde er im Nebenzimmer von den Neonatologen betreut, während mein Mann bei ihm blieb. Ich wurde inzwischen versorgt (sprich: von der Plazenta entbunden und am Damm genäht) und bekam da schon die Info, dass der Kleine wohl mehr Unterstützung brauchte.

Leider war in dieser Klinik kein Bett auf der Kinderstation frei.

Demnach wurde direkt die nächste Verlegung an diesem Tag vorbereitet. Erst wurde unser süßer, kleiner G ins nächste Kinderkrankenhaus transportiert und etwa zwei Stunden, einen schnittigen Kreislaufzusammenbruch, einen Katheterurin und jede Menge Papierkram später dann auch ich. Ich weiß noch, dass ich sitzend im Krankenwagen mitgefahren bin, ich weiß nur nicht mehr so richtig, warum ich nicht liegen durfte. Meinem Beckenboden hätte das sicher besser getan.

Wie dem auch sei. Wir verbrachten im Anschluss an diese turbulente Geburt dann noch knapp 2 Wochen in dem anderen (dritten) Krankenhaus. Erst war ich mit meinem Mann noch zusammen im Familienzimmer auf der Wochenstation, ab dem 4. oder 5. Tag blieb ich dann mit 2 anderen Frühchen-Müttern als Begleitpersonen zumindest weiterhin im selben Gebäude wie unsere Kinder. Die Betreuung auf der Kinderstation war auch zu jeder Zeit absolut in Ordnung – aber dennoch: ein schöner Start ins Leben sieht natürlich ganz anders aus. Ich weiß noch, wie froh und erleichtert wir waren, als wir Gelbsucht und Gewichtsprobleme endlich hinter uns gelassen hatten und nach Hause konnten.

Damals wie heute habe ich tatsächlich keinen einzigen Moment mit dem Verlauf meiner Geburt gehadert oder der verpassten Hausgeburt hinterher getrauert.

Es war, wie es war. Die Lage war völlig eindeutig und ließ zu keinem Zeitpunkt einen anderen Verlauf oder ein signifikant anderes Vorgehen des Personals zu. Ich wusste, was gemacht wurde und wusste auch genau, warum es gemacht wurde. Das Loslassen der ursprünglichen Pläne fiel mir aufgrund der Klarheit der Situation sehr leicht, es gab für mich kein „Was wäre gewesen, wenn…“

Aber jetzt, mit einem Mal, ja, ganz plötzlich und für mich unerwartet merke ich, dass ich mir für die zweite Geburt ganz, ganz dringend etwas durch und durch anderes wünsche. Die Tatsache, dass die einzigen Hausgeburtshebammen in meiner Gegend schon ausgebucht waren, als ich dort in der 6. Schwangerschaftswoche anfragte, nahm ich zu Anfang erstmal als gegeben hin stellte mich seither auf eine Standardgeburt in der Klinik hier im Nachbarort ein- jedoch spüre ich derzeit meine tiefer sitzenden Widerstände gegen eine erneute Klinikgeburt allgemein und die Standardprozeduren in einem Kreißsaal in mir aufflammen.

Ich merke, wie mich die Info wütend macht, dass die Kliniken hier im gesamten Umkreis die Mütter nicht mitverlegen, wenn ihr Baby nach der Geburt unvorhergesehen in eine Neonatologie eingewiesen werden muss. Aber deswegen in der einzigen näheren Klinik mit Kinderklinik entbinden, über die ich von allen Seiten nur Schlechtes gehört habe und die eine Kaiserschnittrate über 50% zu bieten hat – nein, DAS ist auch nicht wirklich der Ort, wo ich mit Vertrauen zur Geburt hinfahren würde.

Bleibt noch die eine Klinik mit einem fachlichen Super-Ruf und integrierter Kinderklinik in etwa 50 km Entfernung übrig. Klar, ohne Stau ist man über die Autobahn dort auch in einer knappen Dreiviertelstunde. Aber was, wenn doch etwas Längerwieriges mit dem Baby sein sollte und ich nicht die ganze Zeit als Begleitperson dort übernachten kann? Dann hieße es 50 km pendeln und das Kind über Nacht so weit entfernt von mir zu wissen? Ich weiß nicht, wie gut ich DAS verkraften würde.

Wie ich es auch dreh und wende: die Gefahr einer erneuten Frühgeburt mit anschließendem Aufenthalt in einer wenig bindungsorientierten Großklinik fängt an, an meiner Psyche zu nagen. Auch muss ich jetzt noch mal ganz gründlich erfragen, wie es um die Möglichkeiten steht, als Begleitperson im Haus untergebracht zu werden, denn ich merke, dass dies für mich im Falle eines Falles fast das wichtigste Auswahlkriterium darstellen würde.

Wenn nur alles gut geht, so mantre ich vor mich hin…

Wenn nur alles gut geht, wenn es diesmal erst jenseits der vollendeten 36. Woche mit der Geburt losgeht, wenn mein Kindelein annähernd reif geboren wird, dann sollte ich eigentlich überall entbinden können. Dann spielen für mich weder der Ort noch die Begleitung eine besonders große Rolle. Am entspanntesten (für mich) stelle ich mir diese Geburt am ehesten allein, daheim vor. (Für meinen Liebsten wäre das aber defintiv das Gegenteil von entspannt und somit auch keine Option für uns).

Aussuchen kann ich es mir ja nun einmal nicht, wie die Vergangenheit mir schon einmal gezeigt hat. Ich muss mich darin üben, jetzt schon alle Erwartungen an die Geburt loszulassen, mich zu entspannen und darauf zu hoffen, dass wir jede Situation schon irgendwie gemeistert kriegen.

Manche werden jetzt vielleicht denken, ich jammere auf super hohem Niveau – verglichen mit den allermeisten anderen Ländern dieser Welt. Immerhin gibt es hier ausreichend medizinische Versorgungseinrichtungen, wo ich im Notfall eine qualitativ gute Betreuung erwarten kann.

Und dennoch belastet mich die Sorge gerade ganz schön arg, an welchem Ort mein Kind diesmal nun am besten geboren werden kann und wie es sein wird, wenn es doch mehr Unterstützung braucht als erwartet.

Ich hoffe, es wird sich alles finden und ich werde dann retrospektiv über diese vielen, hormongesteuerten Grübeleien lächeln und sagen können: es war, wie es war. Und so war es gut.

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