Die Vision – Schnittstellen zum System

Wenn ich an die ideale Gemeinschaft denke, dann ist diese einerseits ein sehr unabhängiger und autonom wirkender Organismus. Ein Großteil der Bedürfnisse ihrer Mitglieder kann innerhalb des geschaffenen Lebensraumes erfüllt werden. Gleichzeitig ist dieses soziale Gebilde aber auch eingebettet in ein viel größeres Netz. In die Region, in der es liegt, vielschichtig mit den Menschen verknüpft, die hier ansässig sind.

Ich meine, es ist irgendwie einleuchtend, dass unsere Gemeinschaft nicht einfach so frei schwebend im Raum existiert. Wir sind Teil dieser großen global verzweigten Gesellschaft, auch wenn wir vieles vielleicht nicht gut heißen von dem, wie die breite Masse der Bevölkerung ihre Entscheidungen trifft. Wer sich für eine Leben in diesem Kontext entscheidet, bringt eine gesunde Portion Kritik für das kapitalistische System und den übermäßigen Konsum mit, welche in unserer industrialisierten Welt als normal gelten.

Eine hundertprozentige Unabhängigkeit vom vorherrschenden System halte ich aber weder für realistisch noch für wirklich erstrebenswert. Dafür ist unsere moderne Lebensrealität eindeutig zu kompliziert geworden, die Anforderungen von Staat, Institutionen, Arbeitgebern etc. an den einzelnen und an die gesamte Gruppe einfach zu komplex.

Auch möchte ich höchstpersönlich bestimmte Errungenschaften unserer modernen Welt nicht einfach aufgeben. Ohne zuverlässige Mobilität, ausreichend Energie, eine gescheite Telekommunikation, eine praktikable Müllentsorgung, bezahlbare Vitamin-B12-Supplemente oder allgemein eine vernünftige medizinische Versorgung wären wir schnell auf einem Stand, den ich grob als mittelalterlich bezeichnen würde. Und ins finstere Mittelalter will ich definitiv nicht zurück, wenn ich vom „Aussteigen“ träume.

Auf der anderen Seite fände ich es wirklich erfüllend, wenn unser Engagement, unser Streben nach einem gesünderen, besseren Lebenswandel nicht in der kleinen Blase, die wir uns versuchen zu erschaffen, stecken bleibt, sondern weitere Kreise als bis zu unserer Grundstücksgrenze ziehen kann. Dafür brauchen wir ebenfalls eine ganze Reihe von Schnittstellen, die uns mit den Menschen außerhalb unseres definierten Geimeinschaftsgefüges verbinden.

Ich sehe im Wesentlichen diese fünf wichtigsten Schnittstellen:

  1. Gemeinschaftsmitglieder arbeiten in externen Unternehmen und Organisationen und sorgen so für den nötigen Geldfluss in die Gemeinschaft hinein.
  2. Innerhalb der Gemeinschaft werden Betriebe oder andere professionell ausgerichtete Einheiten gegründet, deren Zielgruppe für ihre Produkte oder Dienstleistungen auch Menschen in der (näheren) Umgebung mit einschließt.
  3. Die Gemeinschaft installiert nicht-kommerzielle Räume (strukturell und ideell gesprochen), in denen Austausch mit Leuten von außerhalb entstehen kann.
  4. Die Gemeinschaft bietet Möglichkeiten für Außenstehende, innerhalb der Gemeinschaft zu wirken, zu helfen und mitzuarbeiten.
  5. Die Gemeinschaft bemüht sich darum, einen Großteil ihres Bedarfs an Waren und Dienstleistungen durch lokale Anbieter abzudecken.

Wie schaffen wir das aber nun konkret, mit den Menschen um uns herum von Anfang an in Verbindung zu treten? So dass wir bestensfalls nicht wie unter einer abgeriegelten Käseglocke vor uns hin wirken – ohne Bezug zur Gesellschaft und zu unserer direkten Nachbarschaft?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, von Anfang an auf größtmögliche Transparenz und Offenheit zu setzen. Sprich: die Menschen zu uns einzuladen, von Grund auf eine herzliche Willkommenskultur zu pflegen, unseren Wunsch nach Vernetzung und Austausch immer wieder deutlich zu machen. Wir dürfen unser Tun oder gar uns als Menschen nicht für etwas Besseres halten, nur weil wir aufgrund unserer Lebenswege und gemachten Erfahrungen an diesem Punkt angekommen sind, wo genau diese Art zu leben unser persönliches Ideal abbildet. Wir befinden uns alle auf einem Weg, einer Suche und niemand ist perfekt oder bereits „fertig“ und hätte das Recht, andere Menschen mit den eigenen Werten zu bekehren.

Ein bestimmter Prozentsatz der Bewohner*innen unserer Gemeinschaft wird auch weiterhin ihren Berufen in der „normalen Wirtschaftswelt“ nachgehen. Gerade zu Anfang, in der Aufbauphase, sind dies  wahrscheinlich noch die meisten von uns, bis sich auch innerhalb der Gruppe nach und nach Möglichkeiten bilden, Geld zu verdienen, andersweitig Wertschöpfung zu betreiben oder einfach nicht mehr ganz so viel Kapital benötigt wird. Die Kontakte, die an diesen Arbeitsstellen entstehen oder erhalten bleiben, sind jedenfalls ein wichtiger Anknüpfungspunkt zur Außenwelt.

Umgekehrt wird wiederum das erwirtschaftete Geld dorthin – in die regionale und auch sonstige Wirtschaftswelt – zurück fließen: Lebensmittel, Dinge des alltäglichen Bedarfs müssen angeschafft, das Land und die Wohneinheiten bezahlt, Versicherungen am Laufen gehalten, diverse Dienstleistungen auch weiterhin „eingekauft“ werden.

Die berechtigte Hoffnung besteht, dass durch die entstehenden Synergien und die geteilten Ausgaben, immer mehr Mitglieder der Gemeinschaft aus dem krank machenden Vollzeit-Hamsterrad aussteigen und wirklich ihre persönliche Work-Life-Balance finden können.

Um die Region um uns herum zu stärken und die Kontakte zu pflegen, sowie um unser aller Fußabdruck so gering wie möglich zu halten, wäre es sicher in vielen Belangen sinnvoll, die benötigten Waren von lokalen Anbietern einzukaufen.

Innerhalb der Gemeinschaft selbst werden sich – abhängig von den Mitgliedern und ihren Qualifikationen / Interessen und Kapazitäten – viele verschiedene Möglichkeiten ergeben, Menschen zu uns zu führen. Sowohl mit der Intention der Wertschöpfung als auch ohne kommerzielle Absicht.

Mir selbst kommt gleich eine ganze Palette von Ideen zu möglichen Produkten, Dienstleistungen oder Veranstaltungen in den Sinn. Und die ist sicher alles andere als vollständig, sondern entspringt nur (m)einem kleinen Geiste. Sicher muss vor der Umsetzung erst die Lage, die mögliche Zielgruppe oder auch die Nachfrage in der Region mit in die Überlegungen einfließen – wie bei jeder Unternehmensgründung sonst auch. Außerdem kommen vielleicht Kooperationen mit bereits bestehenden Betrieben vor Ort in Frage.

 

Lebensmittel: Falls unser Projekt eine eigene Landwirtschaft etabliert, könnte der Überschuss aus eigenem Anbau (Obst, Gemüse) verkauft werden => Hier wäre an einen Hofladen mit Café und / oder an das Betreiben eines mobilen Marktstandes zu denken.

Bei ausreichend Platz und Personal kommt auch ein kleiner Gästebetrieb in Frage. Unterkünfte können dabei vom klassischen Zimmer abweichen in Form von  Jurte oder Bauwagen.

Handwerk: Vieles ist denkbar, je nachdem wer hier wohnt und arbeitet. Von der Holzschnitzerei oder Nähwerkstatt, Produktion von Seifen und Kosmetika, Haushaltsbedarf, über Gestricktes & Gefilztes, eine Papierwerkstatt, Imkereiprodukte, bis zu weiterem Kunsthandwerk reicht meine Fantasie.

Praxisbetrieb: wieder hängt es -wie bei allem- von den Mitgliedern ab: Heilpraxis, Arztpraxis, Hebamme, Beratung und Sprechstunden im weitesten Sinne.

Begegnungsstätte: Wahrscheinlich der Wirk-Ort mit dem größten Potential: Beispielsweise durch Kurse und Seminare zu allen möglichen Themen. Hier mal ein kleines Brainstorming: Umwelt & Natur, nachhaltiger Lebenswandel, gesunde Ernährung, Bewegung & Sport, Tanz, Musik, Sprachen, Kinderzirkus, Elternschule, Geburtsvorbereitung, Schwangeren-/Rückbildungsgymnastik, Säuglingspflege, 1.Hilfe für Kinder, bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft, Krabbel- und Spielgruppen, Natur- und Erlebnispädagogik, Ferienprogramm

Kunst & Kultur: Konzerte, Theater, Ausstellungen, Vorträge, Lesungen

Weitere denkbare Veranstaltungen: Basare, Flohmarkt, Weihnachtsmarkt, Sommerfest

Ihr seht, ich stelle mir einen wirklich reichen Strauß an Angeboten aus der Gemeinschaft für alle Interessierten vor. Natürlich werden wir ganz klein anfangen und völlig „organisch“ wachsen, ganz nach den personellen und räumlichen Begebenheiten. Aber Möglichkeiten gibt es aus meiner Sicht unzählig viele.

Und nicht zu vergessen, gibt es ja auch noch einen weiteren, ganz wichtigen Bereich des Austausches: die niedrigschwelligen, offenen Angebote für Gäste und Besucher*innen, die komplett ohne kommerzielle Hintergedanken geschaffen werden. Allein um dem Zwecke zu dienen, Verbindung zu schaffen und das Gemeinschaftsgefühl auch Außenstehenden zugänglich und erlebbar zu machen:

Meine Traum-Gemeinschaft hat diverse Anlaufpunkte, sogenannte „offene Räume“, die dazu einladen, mitzumachen, teilzunehmen, dabei zu sein.

Das fängt bei strukturellen Sachen an, wie z.B. einen großen, liebevoll gestalteten „Dorfplatz“ zu haben, der für jedermann/frau/* begehbar ist. Vielleicht grenzt der an das Hofcafé an und zu unserem herrlichen Abenteuerspielplatz ist es auch nur ein paar Schritte weit.

Zum Cafébetrieb gesellt sich irgendwann unser eigener Unverpacktladen oder wir betreiben einen Tauschladen, ein Repair-Café, eine Nähstube, einen foodsharing-Fairteiler?

Auch die oben erdachte Begegnungsstätte, in der es bereits diverse kostenpflichtige Veranstaltungen gibt, hat mit der Zeit noch viel mehr zu bieten:

Es gibt offene Treffpunkte, wie das wöchentliche Familienfrühstück, Kochveranstaltungen wie das gemeinsame Apfelmuskochen oder Arbeitsgruppen und -kreise zu den unterschiedlichsten Themen.

Für die Kleinsten finden außerdem Bastelnachmittage, gemeinsames Plätzchenbacken oder Vorlesestunden statt. Eine tolle Gelegenheit, um Alt und Jung einander nahe zu bringen.

Einige Gemeinschaftsmitglieder sind vielleicht lokalpolitisch aktiv, initiieren  Projekte in der Region wie Urban Gardening, eine regionale Währung, weitere Mehr-Generationen-Aktivitäten usw.

Und dann gibt es natürlich auch noch unsere berühmt berüchtigten Wirktage. Da wird zusammen gecampt, gekocht, geschafft, gebaut, gelacht und nicht zu knapp gefeiert und getanzt.

Kriegt ihr da nicht auch sofort Lust, vorbei zu kommen und mitzumachen???

Also ich wünschte, ich wäre schon dort.

 

Titelbild by Rolf Habel

 

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