Anpassungsprobleme/ Sinnkrise

Ich weiß noch nicht so ganz genau, was das hier jetzt für ein Text wird. Er entsteht jedenfalls an einem mitteltrüben Vorherbsttag in unserem mit Kisten zugestellten Wohnzimmer. Ein Gefühl der Beklommenheit, verbunden mit einer Spur Zukunftsangst hat sich in mir breit gemacht. Und ich habe noch keinen wirklichen Clou, wie ich dem am besten begegnen soll.

Seit etwas über einem Monat hausen wir nun in der neuen Wohnung, erst nur mit unserer Campingausrüstung, dann mit der noch zu rettenden Einrichtung aus unserem Lager. Einige Möbel haben wir noch besessen, manches konnten wir Second Hand dazu kaufen. Aber der fehlende Stauraum in Form von Regalen lässt aufgrund von Lieferschwierigkeiten noch ein paar Wochen länger auf sich warten.

Das System hat uns also wieder, so weit so gut.

Ein paar positive Dinge habe ich mir von unserer Austeigerzeit schon hier herüber gerettet. Zum Beispiel dusche ich nur noch halb so oft wie früher, wasche mir nur noch etwa ein Drittel mal so häufig meine Haare. Und ich verstehe auch nicht, wie ich immer so versessen aufs Staubsaugen oder Bad putzen sein konnte. Wasser und Strom verbrauche ich also vielleicht ein kleines bisschen weniger.

Trotzdem bin ich wieder mehr am Konsumieren, als ich es seit langem gewesen bin. Gar nicht unbedingt so sehr für mich selbst. Mehr für meinen Sohn. Der ist wieder ein gutes Stück gewachsen, braucht die nächste Kleidergröße, kommt in drei Wochen in den Waldkindergarten. Da ist eine gute Ausstattung samt Wechselwäsche notwendig, finde ich. Und diese kaufe ich auch zu mindestens 80% Second Hand. Trotzdem beklemmt mich das einkaufen, Zeug anschaffen.

Das Einpassen ins Altbekannte fühlt sich irgendwie zu simpel, zu nahtlos an.

Eben noch war ich fest entschlossen, meine Arbeitskraft volle Fahrt voraus in ein Gemeinschaftsprojekt zu stecken und so gemeinsam mit vielen anderen an der Weltverbesserung zu arbeiten. Ich war bereit, auf so manches zu verzichten, um (m)einem Idealbild eines sozialen Lebenswandels auf die Spur zu kommen.

Und statt dessen sitze ich nun hier – Essenspläne schreibend, Oktopus strickend, Kinderzimmer planend, Matschhosen bestellend, Overnight Oats ansetzend – in unserem neuen Heim und weiß gar nicht mehr so richtig, wer ich eigentlich bin und was meine Aufgabe denn nun in dieser Welt wohl sein könnte.

Natürlich bin ich unendlich dankbar – mal wieder – für meinen/ unseren privilegierten Status. Wir müssen uns materiell gesehen weiterhin keine Sorgen machen. Ja, unser Sparstrumpf ist jetzt weitesgehend abgetragen, aber der neue Job für den Liebsten ist fix und ab Oktober werden wir wieder auf sein Gehalt bauen und damit wirtschaften können. Als Familie. Ich darf wieder meine alte Rolle einnehmen, ihm den Rücken frei zu halten, Kind und Zuhause liebevoll zu versorgen und an der Sache mit der Nachhaltigkeit und unser aller Fußabdruck dran zu bleiben.

Doch neben dieser tief verwurzelten Dankbarkeit darüber, so einfach und unkompliziert wieder ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben und (zumindest vorläufig) noch keinen Existenzdruck zu verspüren, der mich zum Arbeiten und somit stundenlangem Fremdbetreuenlassen unseres Kindes zwingen würde, plagen mich gewaltige Gewissensbisse.

Wieviele andere Menschen träumen wohl gerade in diesem Augenblick genau davon: von einem sicheren, geborgenen Zuhause und einem Kühlschrank voll (gesundem) Essen? Wieviele Gedanken kreisen in dieser Welt gerade ums nackte Überleben, um die persönliche körperliche Unversehrtheit oder die der eigenen Kinder? Und wievielen Seelen da draußen bleiben diese Wünsche -möglicherweise für immer- gnadenlos versperrt? Bloß weil sie vielleicht zur „falschen“ Zeit, im „falschen“ Land, in der „falschen“ Familie, im „falschen“ Körper geboren wurden?

Angesichts der vielen, vielen Probleme unserer heutigen Welt, gerate ich immer wieder in eine Art Schockstarre.

Ich wüsste überhaupt nicht, wo ich denn anfangen, was ich tun könnte, um wirklich etwas zu verändern. Jemanden oder etwas zu retten. Nachrichten lese und schaue ich schon seit Jahren nicht mehr – die wirklich schwerwiegenden Neuigkeiten bekam ich trotzdem immer irgendwie mit. Die Propaganda, die Meinungsbildungsindustrie dahinter ertrage ich nicht mehr. Wer hat diese Schlagzeile so aufbereitet und genau hier und jetzt plaziert? Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen war mir irgendwann zu mühsam.

Meine psychologischen Strategien wechseln achterbahnartig zwischen Kopf-in-den-Sand-stecken, Börsenserver-in-die-Luft-sprengen-wolllen, Mich-auf-meine-kleine-heile-Welt-Fokussieren und Vom-gezielten-Mord-der-gesamten-Wirtschaftseliterepräsentant*innen-fantasieren.

Mein politisches Interesse ist mittlerweile völlig ausgebrannt. Da ist der letzte Funken bereits 2015 erloschen. Knapp 10 Jahre lang hatte ich mein Herzblut für die Berufspolitik vergossen. Zu Anfang (2006) glaubte ich tatsächlich noch daran, etwas zum Guten verändern zu können, gehört zu werden. Dass Hartnäckigkeit und Engagement sich irgendwann auszahlen würden. Am Ende war ich nur noch desillusioniert, frustriert und fertig mit meinem einstigen Traumberuf. Gefühlt verbrannte Erde überall. Kein Zurück in den Beruf.

An andere, brennende Themen, in deren Materie ich noch viel weniger drin steckte, habe ich mich dann erst gar nicht mehr dran gewagt. Das Feld anderen überlassen, die noch Kraft und Motivation fürs Kämpfen in sich trugen. Was mir blieb, war der Versuch, bei mir selbst anzufangen, im Kleinen etwas zu bewegen.

Wenn du die Welt verändern willst, beginne mit dem Menschen, den du jeden Morgen im Spiegel siehst.

Ich konzentrierte mich demnach eine ganze Weile lang auf meine persönlichen Werte und Ideale. Vor allem im häuslichen Bereich, berufliche Perspektiven hatte ich ja keine mehr.

Ich strebte nach mehr Autonomie durch bewussteren Konsum (da Wirtschaft und Politik heutzutage nahezu eins sind, ist das Geld für mich auch subjektiv das einzige wahre Mittel, mit dem ich Einfluss auf die Gesellschaft nehmen kann). Ich ging den Möglichkeiten von mehr Nachhaltigkeit in meinem Tun immer weiter auf die Spur. Verzweifelte täglich neu beim Versuch der radikalen Müllvermeidung und verbuchte kleine Erfolge, was das Tierleid und die Ausbeutung des Planeten angeht, durch drastische Konsumreduktion tierischer Lebensmittel.

Und ich begann darüber zu schreiben und so meine Gedanken in die Welt hinaus zu tragen. Was mich nach wie vor ein kleines bisschen selbstwirksamer fühlen lässt, als wenn ich all die Herausforderungen nur für mich allein, im stillen Kämmerlein in Angriff nehmen würde.

Aber nun sitze ich hier. In einer klassischen Wohnanlage mit Fossile-Brennstoffe-Zentralheizung im ersten Stock (mit Aufzug). Vor mir mein zehn Jahre alter Laptop, in der Tasse neben mir mein Loser-Fair-Trade-Assam-Tee mit Tetrapack-Sojamilch aus deutschen Sojabohnen… In der Tiefgarage parkt der gebraucht gekaufte Kleinwagen, an meine Füße schmiegen sich die selbstgestrickten Wollsocken an…

Und ich fühle mich so rastlos. Irgendwie planlos. Der Gemeinschaftstraum: geplatzt. Mein einst so sinnerfüllter Beruf: passé. Mein Platz in dieser Welt: gerade völlig unklar. Die Stimme in meinem Kopf fragt lauter denn je: Was ist denn mein Bestimmungsort in dieser Welt?

Was macht mich, macht mein Leben jetzt noch aus?

Wo kann ich einen wirklich sinnvollen Beitrag leisten? Wie geht das für mich: das Menschen und/oder Tiere retten? Lebensräume schützen? Bindungen stärken? Gewalt mit Liebe bekämpfen? Sozialen Zusammenhalt nähren? Den Schwachen helfen? Ängsten auf den Grund kommen und sie gemeinsam überwinden?

Ich fühle dieser Tage eine Erschöpfung auf mir lasten, die mich nieder drückt, mich zum Innehalten zwingt.

Einerseits gibt es alles hier, was unsere kleine dreiköpfige Familie zum Leben und Zufriedensein braucht. Andererseits fühle ich mich in so vielen Situationen deplatziert, ein Alien auf einem unbekannten Planeten.

Kann ich mich wieder auf die (fragwürdigen) Etiquetten, die (zerstörerischen) Strukturen, auf Leistungsdruck, Schnelllebigkeit und andere (krank machende) Gewohnheiten unserer Gesellschaft einlassen, ohne mich selbst und meine Herzensanliegen dabei zu verleugnen? Bin ich in der Lage, all die scheinbaren Bequemlichkeiten unseres jetzigen Zustandes zu akzeptieren und es für einen Augenblick einfach auch mal zu genießen, wo wir jetzt gerade auf unserer Reise stehen? Diesen Status quo als notwendigen Übergang, als Erholungspause nach der anstrengenden Reisezeit betrachten?

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob ich das kann. Ob ich das will. Was von mir überhaupt übrig geblieben ist nach all den Erfahrungen der letzten Monate.

Ich hoffe jetzt mal, dass wir unser äußeres Wohnungs-Chaos in wenigen Wochen transformiert haben werden, denn diese Unordnung nagt fürchterlich an mir und meiner Balance, macht mich fahrig und reizbar. Vielleicht sehe ich danach ja wieder etwas klarer, was der nächste Schritt sein muss. Wie ich es schaffe, nicht stehen zu bleiben, sondern ernsthaft meiner Verantwortung gerecht zu werden in dieser verrückten, schrecklichen, wunderschönen Welt.

 

 

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