„Ihr Kind muss aber bald mal eine dominante Hand entwickeln!“

Hinter uns liegt die sogenannte ESU oder auch Einschulungsuntersuchung. Die ist in Baden-Württemberg verpflichtend für alle Vierjährigen und somit traten auch wir mit unserem kleinen Nomadensohn dort an.

Im Großen und Ganzen verliefen die Tests recht unspektakulär. Cool fand ich ja, wie G auf die Aufforderung, etwas zu malen, hin meinte: „Eigentlich will ich jetzt gar nichts malen.“ Der Ärztin zuliebe hat er es dann aber doch gemacht. Naja, das kann man ihm schon mal zumuten, denke ich.

Die Ergebnisse der Untersuchung waren wohl alle altersentsprechend – bis auf eine Sache: Unser Junge hat bislang noch keine klare Händigkeit ausgeprägt. Malen, Schreiben, Schneiden, Bauen – das wechselt alles von links nach rechts, je nach Tagesform. Zwischendurch dachte ich mal eine Weile, er wäre ein Linkshänder, aber das hat sich nach ein paar Wochen wieder verlaufen. Zur Zeit ist mal wieder gar keine Präferenz sichtbar.

Uns wurde jedenfalls im Nachgespräch nahe gelegt, G möglichst bald bei unserem Kinderarzt (m/w/*) vorzustellen und eine spezielle Diagnostik und dann Förderung durch einen Ergotherapeuten (m/w/*) durchführen zu lassen.

Für einen kurzen Moment hat mich das tatsächlich verunsichert und aus meiner Mitte gebracht. Sollte mein Sohn wirklich ein Defizit haben, das eine Therapie nötig macht? Wenn dem wirklich so wäre, würde ich selbstverständlich mein Bestes geben, ihn optimal zu fördern. Zum Glück war mein Mann so geistesgegenwärtig, etwas genauer nachzuhaken. Es wäre für den Schuleintritt und damit verbunden für das Schreibenlernen besser, wenn das Kind eine klare Händigkeit entwickelt, hieß es. Es gäbe prozentual nur wenige (aber nicht keine!) komplette Beidhänder_*innen auf der Welt.

So what? Erstens mal möchte ich meinem Sohn vertrauen, dass er seine Entwicklungsschritte in seinem eigenen Tempo mit seinen eigenen Schwerpunkten bewältigt. Zweitens streben wir mit all unseren Möglichkeiten eine Einschulung mit vollen sieben Jahren an. Das wären noch satte zwei Jahre, um gewisse feinmotorische Fähigkeiten zu entwickeln und zu festigen. Drittens malt und „schreibt“ er viel und gerne. Da will ich überhaupt nicht reinpfuschen mit irgendeinem Training, das er wahrscheinlich gar nicht braucht.

 

Denn viertens und letztens hat mein Kind die meisten seiner Entwicklungsschritte deutlich später als der Durchschnitt vollzogen, aber dann ohne Probleme aufgeholt, was Gleichaltrige vielleicht schon etwas früher konnten:

  • Das erste bewusste Greifen zeigte er zum Beispiel mit ca. 5 Monaten.
  • Erstes Drehen vom Rücken auf den Bauch mit fast 8 Monaten.
  • Es wurde nie gerobbt, dafür mit 11 Monaten quasi aus dem Sitzen heraus losgekrabbelt.
  • Beikost wurde erst deutlich nach dem ersten Geburtstag eine ernst zu nehmende Nahrungsquelle.
  • Gelaufen ist er mit 19 Monaten.
  • Die ersten „echten“ Worte kamen zum Ende des zweiten Lebensjahres nach vielen Gebärden und Lautmalerei. Noch später dann die Zweiwortsätze und all der ganze Kram, bis er dann mit Dreidreiviertel alle Laute aussprechen und völlig altersgerechte Grammatik an den Tag legen konnte.
  • Windelfrei wurde er von selbst innerhalb weniger Tage mit Zweidreiviertel.
  • Das Laufrad entdeckte er erst nach dem dritten Geburtstag, dafür klappte der Umstieg aufs Fahrrad an seinem vierten Geburtstag innerhalb weniger Stunden.
  • usw. usf.

Nie habe ich an ihm gezweifelt. Nie Druck gemacht, an ihm gezogen oder gezerrt, damit er irgendetwas schneller, früher lernt. Ich habe ihn beobachtet,  unterstützt, Angebote gemacht, geholfen und begleitet. Ich habe erkannt, dass er lange abwartet, Informationen sammelt, beobachtet und erst dann aktiv wird, wenn für ihn die Zeit wirklich reif ist. So war er gerade in motorischen Belangen fast immer ein sehr besonnenes, bedachtes Kind, dass sich selten etwas zumutete, was er dann nicht im Griff gehabt hätte.

Da fange ich doch jetzt nicht an, ihn zu pathologisieren, weil er mit beiden Händen (gleich) gut durchs Leben kommt???

Nein, das mache ich sicher nicht. Das wäre ja wirklich verrückt, finde ich. Die nächste Vorsorgeuntersuchung, die U9, schieben wir sicherlich so lange wie möglich nach hinten raus und auch sonst machen wir hier keinen Stress, wo aus unserer Sicht nur eins vonnöten ist: Vertrauen in unser Kind.

Oder wie sehr ihr das? Gibt es bei euch ein Thema, wo der Druck von außen euch an eurem Kind zweifeln lässt? Und wenn ja, was macht ihr dann?

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