Unser Umgang mit Konventionen und Etiquette

Am Wochenende waren wir auf eine Hochzeit in der Verwandtschaft eingeladen. Und ich war erstaunt und überrascht über die Kritik, die an uns als Eltern teils offen, teils durch die Blume heran getragen wurde. Es ging dabei in erster Linie um unseren Umgang mit der Bekleidung unseres Vierjährigen.

Im Vorfeld hatte ich mir selbst ja ein Dirndl gekauft und auch T überlegte sich, was er zum Feste anziehen würde.  Er entschied sich ganz pragmatisch für seine Bewerbungsklamotten, die waren schließlich noch ganz neu und viel schicker, als alles, was er sonst so anzog.

So fragte ich unseren Kleinen kurz vor der Feier, ob wir für ihn auch ein schickes Hemd kaufen sollten und als er „Ja“ sagte, machten wir das gemeinsam am Tag vor der Hochzeit.

Hätte er überhaupt keine Lust darauf gehabt, wäre das Thema an dem Punkt schon für mich erledigt gewesen.

Aber so fanden wir eine niedliche, kurze Feincordhose für 3 Euro im Second-Hand-Laden und ein passendes Hemd mussten wir neu dazu kaufen.

Am nächsten Tag machten wir uns alle fertig und G zog sein „Kostüm“ an. Er zeigte schon, dass er das ungewohnte Hemd samt Fliege nicht wirklich bequem fand, aber als ich ihm sagte, vielleicht gewöhne er sich ja dran und in der Kirche würden alle Leute schick sein,  behielt er es an.

Wieder: Hätte er an dieser Stelle wirklich protestiert, hätten wir nicht darauf bestanden, dass er es anbehält.

Wie man sich in einer Kirche verhält, weiß G schon gut und er ist auch immer sehr ehrfürchtig und leise, wenn wir in einer drin sind.
Allerdings war der Gottesdienst selber -wie erwartet- für Kinderohren (und für Jitkaohren) viel zu lang und zu langweilig und nach etwa der Hälfte der Predigt wurde G zappelig. Ich war echt froh, dadurch einen guten Grund zu haben, die Kirche zu verlassen und las ihm draußen ein Buch vor.

Zum Ende gingen wir dann doch noch mal hinein, sahen gerade noch das Jawort und G streute beim Rausgehen mit den anderen Kindern zusammen Blumen für das Brautpaar.

Als wir dann aus der Kirche kamen, hatte die Sonne tüchtig eingeheizt: Wir hatten 28 Grad und mein Junge zog sich direkt sein Hemd über den Kopf. Für mich das Selbstverständlichste der Welt!
Seine Schuhe hatte er schon kurz nach der Ankunft an der Kirche abgestreift. Zur Zeit ist er eh fast immer barfuß unterwegs und ich bestehe nur seeeehr selten auf festem Schuhwerk (z.B. bei Scherben).

Den Rest des Tages lief er also bloß in seinen dunkelblauen Shorts herum und fühlte sich pudelwohl. Ich wunderte mich ein bisschen darüber, daß alle anderen Kinder ausnahmslos in ihren feinen Sachen stecken blieben bei der Hitze. Aber gegen später kamen dann die ersten Kommentare zu unserer Vorgehensweise und ich begann zu begreifen, dass wir mit unserer Einstellung sehr alleine dastanden.

Wahrscheinlich war ich durch die vielen Kontakte mit Austeiger_*innen und Alternativos recht blind für andere Haltungen geworden? Sonst wäre ich nicht so überrascht gewesen, dass ein für mich völlig normales, gesundes Handeln für andere Leute ein Stein des Anstoßes sein könnte.
Unsere Aussteigertour und Suche nach einem Leben jenseits des Mainstreams hat meine innere Haltung nur verstärkt, dass wir den Umgang mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Welt kritisch hinterfragen und nicht einfach stupide tun, was alle tun und was sich „gehört“. Zu der Sorte Mensch hatte ich mich im übrigen noch nie gezählt. Gruppenzwang und Gleichmacherei erwecken grundsätzlich Widerstand und Kampfgeist bei mir.

Bedürfnisorientiert zu handeln, bedeutet für mich nämlich unter anderem, die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Beteiligten gegeneinander abzuwägen. Und besonders im Falle von Bekleidung ist es mir wichtig, dass mein Kind ein gutes Körpergefühl entwickelt und sich wohl in seiner Haut fühlt.
Da hat der Wunsch anderer (erwachsener) Personen nach Einhaltung gewisser Etiquette nicht ansatzweise den gleichen Stellenwert für mich.

Sobald unser Verhalten tatsächlich die Grenzen eines anderen verletzen würde -was zum Beispiel beim Rumbrüllen im Gottesdienst oder beim Den-Kellnern-zwischen-die-Beine-Rennen der Fall wäre – greife ich sofort regulierend ein. Aber dem Kind einen Zwang aufzuerlegen,  der letztlich nur seine eigenen Bedürfnisse missachtet, finde ich schlicht und ergreifend unangemessen.

Übrigens habe ich im Laufe des Abends dann mein recht straff sitzendes Dirndl auch gegen ein bequemeres Kleidchen getauscht. Denn was für meinen Sohn im Besonderen gilt, gilt auch für mich: Ich achte auf meinen Körper, meine Bedürfnisse und mein Wohlbefinden. Und es braucht schon einen echt guten Grund, diese wichtigen Dinge hinten anzustellen.

Und wie seht ihr das?  Wie geht ihr mit gesellschaftlichen Zwängen um? Wann passt ihr euch an und wann macht ihr lieber euer eigenes Ding?

 

2 Kommentare bei „Unser Umgang mit Konventionen und Etiquette“

  1. Liebe Jitka,
    das sehe ich wie du! Unsere Große liebt ihre bequemen Shorts und T-Shirts. Auch da gibt es bisweilen Ansprüche von Außen, dass sie zu besonderen Anlässen Kleider oder einen Rock tragen sollte. Wir erklären ihr, dass die Sachen an so einem besonderen Tag sauber und nicht kaputt sein sollten. Dass man dem Gastgeber damit auch eine Freude macht. Aber mehr nicht. Keine Vorschriften, was sie anziehen will. Und klar, raus aus den Klamotten, wenn es heiß ist!
    Schön auch, dass ihr vorerst angekommen seid! Viele Grüße, Berline

  2. Liebe Berline,
    Danke für deine Bestätigung, das Wohlbefinden der Kinder über die Ansprüche von außen zu stellen! Jaaaa, ankommen! Wir freuen uns sehr darauf. Grad hängt das Wohnmobil noch beim TÜV, aber wenn der durch ist, geht’s in die neue Wohnung und dann hoffentlich so bald nicht wieder fort 😁

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