Eine neue Existenz

Kraftakt. Ochsentour. Dickes Brett. Anders kann ich die letzten zweieinhalb Wochen nicht zusammen fassen. Wir haben es tatsächlich geschafft, uns in dieser Zeit von aus dem Auto lebenden Nomaden ohne Einkommen oder festen Wohnsitz zu einer Familie mit sicherer Arbeitsstelle, Mietvertrag und Kindergartenplatz zu transformieren.

Ich war ehrlich gesagt recht erstaunt darüber, dass unsere Auszeit weder bei der Wohnungssuche noch auf dem Arbeitsmarkt einen Nachteil darstellte.

Aber erstmal der Reihe nach:

Nachdem die beiden Vorstellungsgespräche Ende Juni gemeistert waren, reisten wir erst nochmal weiter zum Kennenlernen einer Gemeinschaft in Gründung nahe Nürnberg. Von dort aus organisierten wir bereits T’s Hospitationswoche und kamen dafür Anfang Juli wieder zurück ins Allgäu.


Inzwischen hatten wir ja schon einige Erfahrungswerte in Sachen Unterkünfte gesammelt. Mit fortschreitender Saison wurde es allerdings immer schwieriger,  eine passende (günstige) Bleibe zu finden.

So entschieden wir uns für die Tage, die ich ohne Auto sein würde, für eine rustikale Ferienwohnung auf einem kleinen Bauernhof. Das war für den Lütten perfekt, denn es gab viel zu sehen im Stall und auf dem Hof. Für mich war es -wie immer im Kontakt mit Tierhaltung – eine mittelgroße Herausforderung.

Die lauthals schreiende Mutterkuh, die noch nicht mal bis zur Nachgeburt im Stall bleiben durfte und ein im Einzelkäfig weggesperrtes neugeborenes Kälbchen machten mir das Ankommen schwer.

Meine persönliche Motivation, wieder noch konsequenter auf tierische Produkte zu verzichten (Käse ist auf Reisen meine Stolperfalle, was das anbelangt), wurde hier jedenfalls wieder stark angefeuert.

 


Als die Hospitation rum war, wechselten wir die Bleibe erneut. Es startete dann eine heftige Woche, in der wir insgesamt ca. 30 Vermieter_*innen kontaktierten, 12 Wohnungen besichtigten und in zwei Kindergärten (einmal Montessori, einmal Waldorf) zu Besuch waren.

Das Angebot an in Frage kommenden Wohnungen war insgesamt recht überschaubar und wir versuchten, die Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen. Wohn- und Stauraum, Entfernung zur Arbeit,  freier Kindergartenplatz, Preis, Zimmeraufteilung usw. usf. wollten bedacht und beurteilt werden.

Am Ende entschieden wir uns für eine gut bezahlbare, günstig geschnittene Wohnung in für T maximal möglicher Fahrentfernung zur Klinik. Leider mussten wir dadurch den Platz im Montessorikindergarten und in einem Waldorfkindergarten absagen und ließen uns in einem näher gelegenen Waldorf-KiGa auf die Warteliste setzen.

Da wir noch ein paar Tage Zeit hatten, versuchten wir unserem Kind noch ein bisschen Entschädigung für die stressige Woche zu bieten. Auf dem Programm standen dann so kurzweilige Dinge wie Schwimmbad, Seilbahn und Stadtfest. Bei letzterem kamen wir an einem Trachtengeschäft vorbei. Und da ich nicht wirklich was Anständiges für die Hochzeit am Wochenende dabei hatte, gönnte ich mir dafür ein schlichtes Dirndl.

Als Arbeits- und Mietvertrag endlich unterschrieben waren, fiel eine echt große Last von uns ab.
Und dann bekamen wir in unserem neuen Heimatort den Tipp, mal beim städtischen Kindergarten anzufragen. Die hätten da eine feste Waldgruppe mit 20 Kindern. Und was soll ich sagen?  Wir bekamen ganz kurzfristig noch einen Termin zum Kennenlernen und verbrachten einen tollen Vormittag im Wald.

G fühlte sich pudelwohl und ging völlig offen mit den Kindern und Erzieherinnen um. Wir Eltern waren von Anfang bis Ende abgeschrieben. Als der Besuch zu Ende ging, gab es heiße Tränen, so gern wollte er noch dort bleiben! Also machten wir sofort Nägel mit Köpfen und ergatterten den letzten freien Platz fürs neue Kindergartenjahr ab September. Die Erzieherin machte uns auch durchaus Hoffnung, dass eine Einschulung mit sieben nicht völlig abwegig oder undenkbar wäre. Da bleiben wir auf jeden Fall dran, sobald wir hier Fuß gefasst haben.
Ich wünsche G, dass er so richtig hier ankommen und noch zwei Jahre unbeschwert im Wald spielen und Freundschaften knüpfen darf, bis der „Ernst des Lebens“ beginnt und ein erneuter großer Wechsel ansteht. Mal sehen, ob das so gelingt.

 

Das heißt jetzt also zusammen gefasst: Wir haben einen Kindergarten in 450 m (Lauf)entfernung und so gut wie alle Einkaufsmöglichkeiten des Alltags (Wochenmarkt, Drogerie, Supermarkt, mehrere Hofläden) kann ich ebenfalls zu Fuß oder sonst mit dem Rad erreichen. Auch 2 verschiedene SoLaWis und ein Unverpacktladen sind in der Nähe (10-15km) von uns und im etwas größeren Nachbarort gibt es eine Waldorf- und eine freie Schule, die wir uns in den kommenden Monaten in Ruhe ansehen werden.

Ich glaube, wir sind jetzt endlich wieder ganz im Flow und dürfen uns nun wirklich entspannt in den kommenden zwei Monaten unser neues Heim einrichten, bis T seine Stelle antritt und für G die Eingewöhnung in den Waldkindergarten beginnt.

Hallelujah!

2 Kommentare bei „Eine neue Existenz“

  1. Herzlichen Glückwunsch!
    Das sind ja wahrlich große Veränderungen, alles Liebe und Gute für euch!
    Darf ich fragen, welche Gemeinschaft nahe Nürnberg ihr angeschaut habt und was da dann die Gründe dagegen waren? Ich frage aus lokalem Interesse.

    Herzliche Grüße und viel Glück für euern Start,
    Maria

  2. Liebe Maria,
    Wir haben bei Nürnberg die wirklich tolle Truppe von FLOW (Frei Leben-organisch wachsen) kennen gelernt. Gegen ein festes Andocken unsererseits sprach eigentlich nur, dass dieses Projekt noch recht am Anfang steht. Es ist noch unklar, wann und wo ein Objekt zum Wohnen und Leben gefunden und gekauft wird. Wir werden sicher in Kontakt bleiben und das Projekt weiter verfolgen. Aber unser nächster Lebensabschnitt ist jetzt aufs Allgäu festgelegt.
    LG und danke für dein Interesse! Jitka

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