Die Vision – Teilen, Tauschen, Schenken

Die Frage nach der Form der Ökonomie ist vielleicht eine der herausforderndsten bei der Gründung einer neuen Lebensgemeinschaft. Wir sind in einem durch und durch kapitalistischen System aufgewachsen und sozialisiert worden. Jeder wirtschaftet für sich selbst – im Hier und Jetzt genau so wie bei der Vorsorge für den Lebensabend.

Innerhalb dieses Systems waren wir mehr oder weniger erfolgreich, abhängig von unseren individuellen Grundvoraussetzungen. Dass diese Unterschiede so existieren, nahm ich lange Zeit als gegeben hin und hinterfragte den Zustand nicht besonders. Von diesem Ausgangspunkt würde ich mich aber gerne weiter entwickeln und bin ständig auf der Suche nach einem neuen Leitbild in Sachen Geldverteilung.

Doch wohin entwickeln und wie? Nach allem, was ich bislang erfahren durfte, sehe ich meine persönlichen Schwerpunkte vor allem im Bereich der gemeinsamen, am Bedarf und den Ressourcen des einzelnen Menschen orientierten Ökonomie sowie im bedingungslosen Schenken.

Ich bin Idealistin und Realistin gleichermaßen. Und ich glaube, dass vieles möglich ist, wenn die richtigen Menschen zusammen treffen und eine starke, tragende Verbindung unter ihnen gewachsen ist.

Allerdings ist dies nichts, was man erzwingen oder von vornherein planen kann. Und bis es soweit ist, brauchen wir höchstwahrscheinlich noch die Stützen (Krücken?), mit denen wir aufgewachsen sind und die uns helfen, mit unseren speziellen Ängsten und Sorgen umzugehen.

So könnte die Grundvereinbarung bei der Gründung eines solchen Projekts lauten:

Die Kosten geteilt durch die Anzahl der Mitglieder ergibt die Summe, die ein jeder aufbringen muss.

Soweit ich das überschaue, ist das auch die gängige Praxis in den meisten Projekten, mit denen wir auf die ein oder andere Weise Kontakt hatten. Bei vielen in Form einer Gesellschafter_*innen-Einlage (Genossenschaftsmodell) und monatlichen fixen Beiträgen.

Ich empfinde diese Art des Denkens jedoch nicht als nachhaltige, faire Lösung und deshalb würde ich mir wünschen, mit Leuten zusammen zu kommen, die gerne über diesen Tellerrand hinaus schauen möchten und die Möglichkeit offen halten, gemeinsam andere Strategien zu entwickeln.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, gebe ich euch einfach mal ein paar fiktive, grundlegende Spielregeln, mit denen ich mich identifizieren kann im Sinne von Fairness, Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit:

  • Die gemeinsame Ökonomie basiert auf der persönlichen Beziehung zueinander, dem gegenseitigen Vertrauen und dem kollektiven Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit.
  • Anstehende Ausgaben werden immer zusammen betrachtet, abgewogen und zur Diskussion gestellt.
  • Der konkrete Anteil, den jede Person einbringen kann, richtet sich stets nach ihren individuellen Ressourcen und ihrer aktuellen Bereitschaft, vorhandenes Geld abzugeben.

Mein Traum wäre es eigentlich, dass diese Grundsätze bereits ab der ersten geteilten Ausgabe gelten würden und sich auf große Ausgaben wie etwa die Realisierung eines Immobilienkaufes ebenso wie auf alltägliche gemeinsame Kosten im Rahmen des Zusammenlebens beziehen.

So würde unter anderem gewährleistet, dass nicht etwa eine Vorselektion der Gründungsmitglieder dadurch entsteht,  dass eben nur finanzstarke Leute die Planung und Umsetzung des Projektes für sich beanspruchen.

Doch ist das realistisch? Unter unser aller Ausgangslage? Ich wage es zu bezweifeln. Insofern wird der Gründungstrupp letztendlich wahrscheinlich doch aus einem bestimmten Klientel bestehen, die sich ihrer priviligierten Lage (geregeltes Einkommen, Kreditwürdigkeit) und der daraus erwachsenden, sozialen Verantwortung bewusst sind und einen Ort schaffen, an dem im Laufe der Zeit auch sicher Menschen Einzug halten sollen, denen das Leben eben jene Voraussetzungen nicht eingespielt hat.

Ich persönlich bin bereits seit fünf Jahren erwerbslos, bezeichne mich aktuell auch als professionslos. Doch meine persönliche, kleine Bedarfsgemeinschaft lässt mich durch die (bald wieder aufgenommene) Berufstätigkeit meines Mannes eindeutig zu der Gruppe gehören, die sich zumindest im Hier und Jetzt nicht sorgen muss und die dadurch Möglichkeiten hat, die andere ohne Solidarität und kollektives Umdenken niemals haben werden.

Als Mensch mit gewissen (im bisherigen System als Marktwert zu verstehenden) Talenten ausgestattet worden zu sein oder auch in den Genuss eines stabilen Elternhauses und/ oder einer soliden Bildungskarriere gekommen zu sein, ist ein Privileg. Dasselbe gilt für körperliche und seelische Gesundheit oder eine hohe Belastbarkeit bzw. Leistungsfähigkeit. Auch das Eintreten oder Ausbleiben unvorhersehbarer Schicksalsschläge hat einen großen Einfluss auf den persönlichen Status.

Das heißt, keiner hat es mehr oder weniger „verdient“ als ein anderer, viel Geld zu erwirtschaften und es für sich alleine zu beanspruchen. Es ist reines (karmisches?) Glück, wenn man sich zu dieser Gruppe von Menschen zählen kann, die sich aufgrund ihrer Biografie und Persönlichkeit keine Sorgen um ihre materielle Absicherung machen muss.

Auf der Seite der Zukunftsgemeinschaft findet sich diese treffende Beschreibung:

Unsere Gesellschaft funktioniert so, dass es Menschen gibt, die sehr viel Geld haben und Menschen, die sehr wenig haben oder in Armut leben. Trotzdem gaben sie immer alles, was sie konnten und bemühten sich immer so, wie sie es nur konnten. Wer in unserer Gesellschaft in der ärmeren Bevölkerungsschicht geboren wird, hat kaum Chancen, dem zu entkommen. Von Geburt an also eingeteilt in Arm oder Reich.

 

[…] Die entwürdigende Ungleichheit in unserer Gesellschaft (die im übrigen Reiche Menschen ebenso entwürdigt wie Arme) ist von Menschen gemacht, sie ist unnatürlich und krank machend. Dieser Zustand kann von Menschen geändert werden. Wir wollen es versuchen.

Doch was passiert, wenn wir es schaffen, uns von unseren ankonditionierten Existenzängsten und dem Nur-für-sich-und-seine-Familie-besitzen-wollen zu lösen? Wenn die Erträge nicht mehr nur für einen selbst, sondern auch für die zum gemeinsamen Wirtschaften gewählte Gruppe von Menschen (=Wahl-Großfamilie) zum Einsatz kommen? Vielleicht – nein ganz sicher! – kann dann plötzlich etwas völlig Neues daraus entstehen. Etwas, das einer allein gar nicht auf den Weg bringen könnte.

Doch sollte all dieses Fair-Teilen und Abgeben aus meiner Sicht nicht zum Zwang mutieren, der manche einengt oder gar eine neue Art der Ausgrenzung schafft. Im Gegenteil! Ich sehe es als Lern- und Experimentierfeld für die bestehende Gemeinschaft an, auf diesem Gebiet einen guten Weg zu finden, der vielleicht sogar irgendwann als Vorbild dienen und andere inspirieren kann.

Nicht nur die Menschen spielen eine wichtige Rolle beim Umgang mit Geld.

Ein weiterer wichtiger Aspekt einer nachhaltigeren Ökonomie sind die Ressourcen dieser Welt. Wir leben nun mal auf einem begrenzten Terrain und die Lüge vom ständigen Wirtschaftswachstum und der Notwendigkeit, immer mehr und mehr zu konsumieren hat ihre Überzeugungskraft längst verloren.

Für einen anderen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen, der deutlich nachhaltiger ist und obendrein Geld einspart, gibt es ja auch bereits viele tolle Ideen. Einige würde ich natürlich gerne auch in meinem Utopia verwirklichen, denn allein ist es viel schwerer, nachhaltig zu wirtschaften als in Gemeinschaft.

  • Teilen von gemeinsamen Besitztümern wie z.B. Haushaltsgeräte,  Werkzeuge,  Autos
  • Einkaufen im (Bio-)Großmarkt reduziert Kraftstoffverbrauch und Verpackungsmüll
  • Tauschen und Schenken von Dingen, die man nicht mehr braucht, z.B. mithilfe einer Kleiderkammer, Tauschladen
  • Fähigkeiten und zeitliche Kapazitäten beim Reparieren von Dingen teilen, verlängert die Nutzungsdauer der Gegenstände
  • Gemeinsame Nutzung von Räumlichkeiten, z.B. Aufenthaltsräume, Werkstatt, Atelier, Lagerraum
  • Bereitstellen von Dienstleistungen aller Art innerhalb der Gemeinschaft in Form von Tausch oder Schenken. Dies spart wiederum Geld ein und zieht es vom großen Wirtschafts-Markt ab.

Die gemeinsame Nutzung und Bewirtschaftung von Dingen und Räumen senkt die Kosten in allen möglichen Lebensbereichen für den einzelnen. Eine neue Art von Reichtum wird möglich. Ein Reichtum, der aus dem Zusammenschluss, der Vielfalt und dem Teilen erwächst.

 

Titelbild by Rolf Habel

 

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