Ein ereignisreicher Monat

Ich glaube, diesen Mai werde ich so schnell nicht vergessen. Wir haben innerhalb der letzten vier Wochen mehr Gemeinschaftserfahrungen gesammelt als in den gesamten 11 Reisemonaten zuvor. Doch wo stehen wir jetzt mit unserer Suche und wie wird es weiter gehen?

Zunächst möchte ich voraus schicken, dass ich die besuchten Projekte nicht mehr namentlich nennen werde. Es fühlt sich gerade nicht mehr stimmig für mich an. Aber trotzdem möchte ich meine persönlichen Gedanken und Erlebnisse hier im Aussteigertagebuch festhalten. In der Hoffnung, die Anonymität ausreichend zu wahren und niemandem mit meinen subjektiven Berichten zu nahe zu treten.

Drei Stationen, drei völlig unterschiedliche Erlebnisse

Station Eins: ein mittelgroßes Gemeinschaftsprojekt in der Gründungsphase

Unser eigentlicher Plan, nach Deutschland zurück zu kommen und als allererstes in Süddeutschland auf Gemeinschaftssuche verbunden mit der ersten Bewerbungsrunde zu gehen, wurde kurz vor der Abreise noch mal etwas durchgeschüttelt. Mich erreichte nämlich die Email einer Bekannten, die uns auf ein Projekt aufmerksam machte, welches extrem gut zu unserer eigenen Vision von Gemeinschaft passte.

Bereits aus Spanien nahmen wir also Kontakt zur Gründungsgruppe auf und mit einigen kleinen Turbulenzen in der Planung zeichnete sich doch schließlich ein Termin Mitte Mai zum Kennenlernen ab.

Wir reisten hochgespannt an und durften für vier Tage Teil der lebendigen Gruppe von Menschen sein, die da an diesem Projekt arbeiteten und wirkten.

Die Wellenlänge stimmte erstklassig überein. Sowohl unter den Erwachsenen als auch den zahlreichen Kindern funkte es herrlich und die Energie und Kraft der Gruppe beeindruckte mich sehr. Selten (vielleicht auch nie) habe ich so viele Menschen auf einem Haufen getroffen, die mir sogleich so mega sympathisch waren.

Mein Lütter war auch extrem entspannt und inspiriert von diesem Ort und spielte lange und ausdauernd ohne unsere elterliche Zuwendung mit den Gleichaltrigen im Haus und auf dem einladenden Gelände.

Während ich völlig absorbiert war von den positiven Eindrücken und den herzlichen Begegnungen und am liebsten sofort losgelegt hätte mitzumachen, kam mein Mann leider nicht umhin, die nur dürftig vorliegenden Fakten zur Finanzierung und Realisierung zu hinterfragen. Ohne eine klare Ansage, ob das ganze Ding auch sicher verwirklicht werden kann, konnte er sich auf nichts einlassen, was mit den Leuten oder dem Projekt zusammen hing. Zumal es auch keine optimale Stelle für ihn im näheren Umkreis gegeben hätte.

Dies war eine anstrengende Phase für uns alle – nicht zuletzt, weil wir gerade erst nach dem nagenden Stress des Autokaufs wieder einigermaßen in unsere Mitte gefunden hatten. Und dann steckten wir hier an diesem besonderen Ort mit so viel Potential auf so wahnsinnig inkompatiblen Standpunkten fest, dass es kaum möglich war, einen wirklich klaren Gedanken zu fassen.

So verstrichen also die intensiven vier Tage allmählich. Ich verliebte mich in den Ort, die Gruppe, das Potential und sah mich schon an so vielen Dingen mitarbeiten. Doch anstatt im Anschluss an diese Tage unsere Annäherung offiziell zu machen, reisten wir erstmal ergebnislos und ohne verbindliche Absprachen wieder ab.

Station Zwei: ein kleineres Hofprojekt im Aufbau

Es ging nahtlos weiter mit unserer Reise, da wir – heimatlos wie wir sind – uns bereits um unsere nächste Unterkunft gekümmert hatten.

Der Kontakt war durch das Paar entstanden, das wir letzten Sommer beim Los Geht’s kennen gelernt und mit dem wir in Spanien ein paar Wochen gemeinsam verbracht hatten. Eine der Bewohner_*innen des Hofes hatten wir im Laufe unseres Aufenthaltes auch selbst noch in Spanien gesehen, als sie während ihrer eigenen Reise unserer Bekannten dort ihren Hund für zwei Wochen in Pflege gab.

Jedenfalls fuhren wir von dem turbulenten Wochenende direkt zu der kleinen Kommune im Herzen Deutschlands. Und bereits während der Fahrt dorthin machte sich in mir ein unglaublich entspanntes, wohligwarmes Gefühl breit. Es fühlte sich an, wie zu guten, alten Freunden zu fahren. Ja, mehr noch – wie nach Hause zu fahren, was auch immer das in unserer jetzigen Situation bedeuten konnte.

Meine Vorahnung wurde jedenfalls nicht enttäuscht: Von Sekunde Null an umfing mich an diesem Ort eine Welle der Geborgenheit und Herzenswärme.

Wir konnten ein hübsches Zimmer im Haupthaus beziehen, direkt neben dem Gemeinschaftsraum und sogar mit eigener Dusche on Suite.

Die kommenden zwei Wochen verbrachte ich mit G komplett dort, machte auch einige tolle Ausflüge mit ihm, wohingegen mein Liebster nochmal zurück zu seinen Eltern fuhr, um unser Wohnmobil verkaufsfertig zu machen.

Ich lernte die Leute nach und nach immer besser kennen und staunte über ihren Mut zu einer gemeinsamen Ökonomie und bewunderte ihr Engagement beim Retten von Lebensmitteln.

Beim Schreiben über diese wundervolle kleine Gemeinschaft merke ich, wie sich eine leise Wehmut in mir darüber ausbreitet, nicht mehr dort zu sein. Ich habe mich in ihrem Kreis so gut aufgehoben gefühlt wie schon lange nicht mehr.

Auch wenn die Leute extrem verschieden sind in Alter, Charakter und Lebenssituation, haben sie alle bestimmte Eigenschaften gemeinsam, die für mich ein Leben in Gemeinschaft erstrebenswert machen:

  • Herzlich.
  • Kinderfreundlich.
  • Humorvoll.
  • Unkompliziert.
  • Offen.
  • Hilfsbereit.
  • Friedfertig.
  • Kreativ.

Es kam mir innerhalb von wenigen Stunden so vor, als wäre ich schon ewig mit diesen lieben Menschen befreundet und ich fühlte mich unglaublich willkommen.

Lebensmittel retten wird hier groß geschrieben!

Leider gab es für T in erreichbarer Entfernung keine passende Klinik. Und auch ich konnte mir weder auf dem Hof selbst noch in der näheren Umgebung einen echten Schaffensraum vorstellen. Und da wir bis dato die Millionen noch nicht im Lotto gewonnen haben und unser Auskommen weiterhin im System bestreiten müssen, entschieden wir schweren Herzens, weiter zu ziehen und mit den Menschen vorerst nur aus der Ferne in Verbindung zu bleiben.

Station Drei: ein ideologisch motivierter Lebensort für intensive Gemeinschaftserfahrungen

Und so folgten wir nach diesen reichen Geschenken an Begegnung, Fröhlichkeit und zwischenmenschlichen Kostbarkeiten unserem ursprünglichen Vorhaben und reisten nun doch nach Süddeutschland.

Eine Nacht kamen wir auf der Durchreise bei einem netten, jungen Paar unter, dass über AirBnB günstig ein Zimmer vermietete. Dort gab es schöne Gespräche am Lagerfeuer, frühmorgendliches Fröschequaken und eine spontane Wanderung mit Dronenflug.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter, unserem nächsten Ziel entgegen. Die wirklich sehr kleine Gruppe, der wir hier begegneten, erarbeitete sich ihre Zusammengehörigkeit durch festgelegte Sitzungen zur Gemeinschaftsbildung. Wir durften als Außenstehende an ausgewählten Terminen teilnehmen. So lernten wir die Methodik und ein wenig auch die Menschen an diesem Ort kennen. Ich tat mich insgesamt schwer mit dieser Form der Kommunikation und merkte schnell, dass sie mir im täglichen Beisammensein einfach nicht liegen würde.

Parallel zum eher ruhigen Alltag der Ansässigen fand aber in dieser Woche noch ein größeres Seminar am Ort statt. Dadurch hatte G plötzlich wieder ganz schön viele Kinder um sich, was uns natürlich sehr gefreut hat. Normalerweise gibt es hier aber eigentlich kaum Gleichaltrige zum Spielen am Platz.

Wir verbrachten alles in allem eine sehr entspannte Woche hier, da es in dem Sinne keine Aufgaben für uns gab. So konnten wir aber die Gegend ein wenig erkunden, unter anderem der Kampenwand einen Besuch abstatten und hatten die ganze Zeit tollstes Sommer- und somit Badewetter.

 

Keine halben Sachen und ein erneuter Strategiewechsel

Unsere Erkenntnis nach unserem Aufenthalt an diesem Ort war aber leider ebenfalls die, dass wir unsere Zukunft hier nicht wirklich sehen. So ganz wollen wir uns von unserem Traum von einer größeren Gruppe mit all ihrem Potential und ihren Möglichkeiten noch nicht verabschieden.

Nach unseren bisherigen Eindrücken glaube ich mittlerweile, dass es genau die Gemeinschafts -Form, die wir suchen, gerade noch nicht so richtig gibt. Zumindest nicht in den Regionen, die beruflich für meinen Mann in Frage kommen. Dass aber die Menschen mit einer ähnlichen Vision wie wir täglich mehr werden und sich zur Zeit an verschiedensten Orten neue Keimzellen auftun.

Was wiederum bedeutet, dass wir vielleicht einfach noch ein wenig mehr Geduld aufbringen müssen und uns am besten einer viel versprechenden Gründungsgruppe anschließen sollten. Auch wenn das hieße, für die nächsten Jahre noch mal eine Mietwohnung als Übergangslösung zu nehmen, anstatt direkt Wurzeln an unserem zukünftigen Lebensort schlagen zu können.

Das ist jedenfalls unser aktuelles Gefühl. Und deshalb planen wir jetzt auch das Anmieten einer Ferienwohnung im Allgäu. So kann T sich wirklich mit der ausreichenden Ruhe ans Bewerben machen und wir sind noch flexibel genug, uns mit Gleichgesinnten in der Region zu vernetzen.

Mal sehen, ob dies die richtige Strategie für uns sein wird…

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