Goodbye, Wohnmobil – Wir steigen um!

Wir haben es geschafft: Nach knapp 7 Monaten im Süden haben wir seit kurzem wieder deutschen Boden unter unseren Füßen. Wir verstehen endlich, was die Bäckersfrau uns fragt und können Vollkornmehl und Chilinake-Brotaufstrich einkaufen, soviel wir wollen.

Sind damit all unsere Sorgen von einer Sekunde auf die andere verschwunden? Natürlich nicht! Eigentlich geht es jetzt erst so richtig um die (Seitan-)Wurst. Unser erstes großes Etappenziel lautet ganz eindeutig: Mobilität herstellen.

Denn mit dem Wohnmobil sind wir jetzt endgültig durch. Wir wollen es so bald wie möglich verkaufen, statt dessen einen normalen Pkw anschaffen und uns dann auf erweiterte Gemeinschaftssuche / Bewerbungstour durch Deutschland begeben. Persönliche Ideale prallen beim Autokauf auf Praktikabilität und verschiedene Prioritäten innerhalb unserer Partnerschaft. Das kann wahnsinnig anstrengend sein und ich wünschte, wir könnten dieses Kapitel schnellstmöglich hinter uns bringen.

Aber jetzt zum eigentlichen Thema: Hatten wir eine gute Zeit mit unserem WoMo? Wie fühlt es sich an, diesen besonderen Abschnitt unseres Lebens hinter uns zu lassen und eine neue Strategie zu verfolgen?

Mein Mann sagt mir zwar, „bilanzieren macht depressiv„, aber ich kann häufig gar nicht anders, als zurück zu blicken und zu schauen, wohin mich meine Entscheidungen eigentlich letztendlich geführt haben.

So gehen wir also doch noch einmal ein gutes Jahr zurück. Dorthin, als wir den vielleicht etwas (zu?) kühnen Plan fassten, unser einziges Zuhause auf unbestimmte Zeit in ein Wohnmobil zu verlegen.

Warum haben wir das noch gleich so entschieden, diese Form der Fortbewegung gewählt und uns mit etwas mehr als nur mit schlichtem Sack und Pack auf Reisen begeben?

Mit Optimismus zur Entscheidungsfindung


Uns fiel sofort ein ganzer Haufen guter Gründe ein, warum die Idee mit dem Heim auf Rädern genau das Richtige für unser Vorhaben sein würde:

Flexibilität

Wir dachten, ein eigenes Wohnmobil würde uns größtmögliche Flexibilität bieten. Wir könnten jederzeit in unserem eigenen Tempo überall hin reisen und wenn es uns irgendwo nicht so gut gefällt, könnten wir von heute auf morgen die Segel setzen.

Nicht zur Last fallen

Dadurch, dass wir im Bereich Unterkunft nicht auf Hilfe oder Gastfreundschaft angewiesen wären, würden wir niemandem zur Last fallen. Dadurch wähnten wir uns schon als die perfekten Gasthelfer_*innen, für die man überhaupt keinen Aufwand zu betreiben braucht.

Unabhängigkeit

Mein Liebster und ich sind beide gerne so unabhängig wie möglich. Dass wir bei unserer Gemeinschaftssuche immer wieder von anderen Menschen Hilfe und Unterstützung benötigen würden, sahen wir kommen und wollten unsere Autonomie dennoch ein Stück weit beibehalten. Der große Stauraum ermöglichte es uns, eine Menge Sachen dabei zu haben, die wir auf der Reise gut gebrauchen konnten. Küche, Dusche und WC versprachen ebenfalls einen gewissen Grad an Eigenständigkeit.

Win-win-Situation

Wir dachten, diese Mischung aus Flexibilität und Unabhängigkeit würde unsere Besuchsanfrage extrem niedrigschwellig erscheinen lassen. Welchen Grund konnte es geben, uns nicht zum Schnuppern vorbei kommen zu lassen? So sollten uns doch eigentlich sämtliche Türen offen stehen?

Kosten sparen

Nicht ganz uneigennützig war dann schließlich auch noch die Idee, mit der einmaligen Ausgabe für das Auto hinten raus Kosten für Gästezimmer und Übernachtungen einzusparen.

Es fühlte sich irgendwie gut an, in den Faktor Wohnraum einmal solide Geld hinein zu stecken und sich darum während der Reise keine weiteren Gedanken machen zu müssen. Außerdem hatten wir dann den Gegenwert in unserem Besitz und das war uns ebenfalls sympathischer als quasi weiterhin Miete zu zahlen für ein Bett und ein Dach über dem Kopf.

Kindliche Bedürfnisse berücksichtigen

Darüber hinaus wollten wir G mit dem Camper einen vertrauten Zufluchtsort schaffen, um seinem Sicherheitsbedürfnis gerecht zu werden. Einen ruhigen Hafen, eine feste Basis. Es stand ihm ja eh schon jede Menge an Wandel und Unsicherheiten bevor. Die Schlafplätze verströmten bereits nach dem Beziehen mit unserer eigenen Bettwäsche einen Hauch von Zuhause und versprachen vor allem eins: Gemütlichkeit. Alles bekam einen möglichst festen Platz und unsere Abläufe konnten leicht in eine gewisse Routine kommen. So dachten wir uns das.

Aussteigen aus bekannten Mustern birgt viele Ungewissheiten

In der Vergangenheit war es sowohl T als auch mir eigentlich meist gelungen, Realitäten ziemlich gut einzuschätzen. Was wir uns vornahmen, hatte in der Regel Hand und Fuß und nur selten ärgerten wir uns über massive Fehlgriffe. Doch dieses Mal fehlten uns wohl einfach die passenden Erfahrungswerte – wir begaben uns mit dem Ausstieg aus unserer Komfortzone komplett auf Neuland.

Einerseits gingen wir wohl viel zu blauäugig an den Wohnmobilkauf heran und andererseits reagierten die Leute in den Gemeinschaften überwiegend auch völlig anders als erhofft.

Daraus folgte, dass unsere zu erwartenden Vorteile sich gar nicht richtig entfalten konnten.

Die Realität traf uns schleichend, aber unmissverständlich

Flexibilität?

Tja, gleich bei diesem ersten Punkt hatten wir leider die Rechnung ohne den Zustand des WoMo’s gemacht. Denn die Kombination aus realem Gesamtgewicht nach dem Beladen, Antriebsleistung und wiederholten Getriebeproblemen führte dazu, dass wir nur ziemlich eingeschränkte Möglichkeiten hatten, was unsere Reiseroute betraf.

Wegbeschaffenheiten und Höhenprofile bestimmten die meiste Zeit darüber, welche Orte wir ansteuern konnten und welche nicht.

Durch die lang andauernden Reparaturprozesse hingen wir auch mehrmals deutlich länger an einzelnen Stationen fest, als wir das aus freien Stücken entschieden hätten. Einige Wunschziele konnten wir nicht besuchen, weil wir entweder die Strecke nicht auf uns nehmen wollten oder der Termin durch verlängerte Werkstattaufenthalte nicht mehr passte. Alles andere als flexibel und selbstbestimmt also.

Nicht zur Last gefallen?

Wenn die angepeilten Gemeinschaften von sich aus Strukturen für Besucher_*innen wie uns in ihrem Konzept gehabt hätten – sprich: einen Stellplatz, einen Wasseranschluss – dann wäre dieser Punkt vielleicht sogar umsetzbar gewesen. Aber da wir vorwiegend an Leute gerieten, die ausschließlich einen Gastbetrieb von Geld gegen Unterkunft anboten, machten wir wahrscheinlich eher mehr Umstände mit unserer Idee der Teilnahme.

Die Gruppen waren leider nicht vorbereitet auf unsere Art Besuch, wodurch wir wenig positive Rückmeldung auf unsere Anfragen erhielten.

Unabhängigkeit?

Durch die Investition in eine ausreichende Stromversorgung mit Solarenergie waren wir tatsächlich in diesem Bereich mehr oder weniger autark. Auf kommerziellen Stellplätzen sparte uns das zwar das ewige Kabel-neu-anschließen, doch finanziell machte es an dieser Stelle nur einen minimalen Unterschied aus.

Die Frage, wo wir frisches (Trink-)Wasser her kriegen und wohin wir Schmutzwasser und Klokassette entleeren konnten, war allerdings ein Dauerbrenner und schmälerte unser Gefühl, frei und unabhängig agieren zu können. Auch Wäsche waschen und trocknen war so ein Thema, bei dem wir stets auf das Entgegenkommen unserer Gastgeber_*innen angewiesen waren.

Win-win?

Wie gesagt, fehlten fast überall die Strukturen, die mit unserer Herangehensweise kompatibel gewesen wären. Anstelle eines großen Netzwerkes des Tauschens, Teilens und Schenkens fanden wir viele kleine kapitalistische Mikrokosmen vor. Vielleicht hätten wir bei näherem Kennenlernen die Unterschiede zum großen System erkennen können, die dann aber halt nur exklusiv für die Mitglieder dieser community gelten. Als nicht integrierte Fremde, als bloße Interessierte an dem Ort galten für uns die gleichen Regeln wie sonst in der Gesellschaft halt auch: Befolge die Standards. Zahle deinen Tagessatz. Sieh von Einzelanfragen und Sonderarrangements ab. Dann, nur dann bist du willkommen.

Kosten sparen?

Ihr könnt es euch vielleicht denken. Das Thema Geld ist wahrscheinlich dasjenige, bei dem wir am allermeisten daneben lagen. Die Anschaffungskosten des Wohnmobils waren schon nicht gerade schnäppchenniedrig. Die Aufrüstung mit der Solaranlage kam gleich noch oben drauf. So weit so gut, das wäre es uns wert gewesen. Wir hatten ja die vielen Vorteile vor Augen. *pfffffff*

Aber was dem Fass wirklich den Boden ausschlug, waren die nicht enden wollenden Reparaturen am Motor und vor allem am Getriebe. Wenn diese Kosten nicht gewesen wären, hätte meine Budgetplanung eigentlich ziemlich genau hin gehauen. Doch so machten Stellplatzgebühren, Essenskosten und Kraftstoff immer nur einen kleinen Teil unserer Gesamtausgaben aus.

Was uns am meisten bei den Gemeinschaften erschütterte, war, dass häufig der Tagessatz unabhängig von der Übernachtungsform berechnet wurde. Also ob wir ein Zimmer haben wollten oder nur Wasser abzapften, machte keinen echten Unterschied in den Kosten. Zonnnnnnk hoch zehn.

Kindliche Bedürfnisse?

Durch die ständigen Reparaturen am Auto wurde ein Wechsel des Wohnortes leider mehrmals unvermeidbar. So war von dieser Seite her keine Stabilität zu erreichen. Ich gab mir deshalb an anderen Punkten umso mehr Mühe, Rituale und Rhythmen beizubehalten oder neue zu etablieren, um wenigstens ein bisschen Vorhersehbarkeit und damit Sicherheit für unseren nun Vierjährigen zu schaffen.

Das Scheitern, die Einsicht und die Hoffnung, die zuletzt stirbt

Retrospektiv war der Kauf des Campers also genau genommen eine einzige, große Fehlentscheidung. Aber auch Missgeschicke gehören nunmal zum Leben und vor allem zum Lernen dazu. Wir haben auf diesem Wege einen Haufen Erfahrungen gesammelt, die wir unter anderen Umständen so nicht gemacht hätten. Im besten Fall waren es genau die Erfahrungen, die wir zu diesem Zeitpunkt in unserer Entwicklung und auf unserer Suche brauchten.

Das möchte ich zumindest gerne so glauben. Aber natürlich habe auch ich hin und wieder meine schlimmen Zweifeltage und würde am liebsten den Kopf in den Sand stecken. Die vielen Rückschläge, das ständige Umdisponieren-Müssen, das Gefühl des Auf-Granit-Beißens im Kontext Gemeinschaftssuche hat mir auf Dauer immer weiter zugesetzt.

Ich finde, so langsam könnte es doch mal endlich aufwärts gehen mit unserer Zukunftsgestaltung. Vielleicht bringt uns der nächste Wagen, gegen den wir unser WoMo nun eintauschen werden, mehr Glück!?

Wir wollen es jedenfalls hoffen!

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