Erfahrungsbericht WWOOFen: Woche 1+2

Unsere Reise geht weiter, sie hört nicht auf, verändert sich von Etappe zu Etappe. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, Anschluss an eine größere Gemeinschaft zu kriegen, nach monatelangem Festsitzen und Warten auf Autoteile aus Deutschland und nach einigen Wochen des Stellplatztingelns sind wir jetzt dabei, mit unserer Kraft und Energie ein kleines Ein-Familien-Projekt zu unterstützen.

Im Gegensatz zu einem Einsatz bei einer festen Gruppe, welche sich wie auch immer als Gemeinschaft definiert – und wo für uns von Anfang an erstmal das Potential bestünde, unseren neuen Lebensort zu finden- kam mir solch ein privates Hilfsarrangement mit einer einzigen Familie ungleich intimer vor. Vielleicht weil es mir so scheint, dass wir in ihren ganz privaten Bereich hinein gelassen werden? Ohne Puffer, ohne Gemeinschaftsräume oder dergleichen. Ich bin mir nicht ganz sicher. Jedenfalls hatte ich eine deutlich spürbarere Hemmschwelle zu überwinden, über die Ausschreibung bei HelpX in Kontakt mit den Leuten zu kommen.

So ein Family-Blinddate auf dem spanischen Lande habe ich in der Form ja noch nicht erlebt. Ich war deshalb schon ziemlich aufgeregt vor der ersten Begegnung. Wird die Chemie zwischen uns stimmen? Sind die Gegebenheiten auf dem Hof einigermaßen komfortabel? Können wir auch eine echte Hilfe sein? Was erwarten sie von uns? Und das wichtigste: Ist die ausgemachte Uhrzeit eine deutsche oder eine spanische Verabredung? (Es war letztere, würde ich sagen.)

 

Zum Glück waren all meine Bedenken ziemlich schnell verpufft, als die herzliche M uns mit etwa dreißigminütiger Verspätung am vereinbarten Treffpunkt abholte. Das Paar, welches ursprünglich auch mal ernsthaft, aber leider erfolglos auf Gemeinschaftssuche gewesen ist (!), hat vor drei Jahren den Schritt gewagt, selbst ein Grundstück zu kaufen, dort einen eigenen Brunnen graben zu lassen und das verfallene Wohnhaus wieder aufzubauen.

Ihr Traum vom Selbstversorgergarten (Permakultur) und von einer organisch wachsenden Gemeinschaft an diesem Ort darf Stück für Stück Form annehmen. Ich habe gestaunt, was sie schon alles verwirklicht haben. Noch dazu mit zwei kleinen Kindern.

Wenn ich mir vorstelle, T und ich würden versuchen, selber ein solches Lebensprojekt zu starten, sähe der Anfang wahrscheinlich ganz ähnlich aus. Genau wie wir es tun würden, bauen die beiden hier sorgfältig eine Struktur nach der anderen auf, erweitern langsam ihren Radius und haben dabei ihre Gesamtvision klar vor Augen.

Das kleine Gästeloft, in dem wir immer an den Tagen wohnen dürfen, wenn es gerade keine anderen (zahlenden) Gäste nutzen, ist genau die Art von zusätzlichem Wohnraum, den ich mir auch für unser zukünftiges Zuhause wünschen würde. So kann man unkompliziert Helfer_*innen und Gäste willkommen heißen und wenn diese nicht da sind, durch Vermietung ein paar zusätzliche Einnahmen erzielen. Und mir als Helferin macht das erstmal ein unglaublich schönes Gefühl, so einen tollen Wohnraum zur Verfügung gestellt zu bekommen. Da ist meine Motivation, wirklich von Nutzen zu sein und etwas zurück zu geben, absolut hoch geschraubt!

Das gesamte Grundstück ist insgesamt 1,2 ha groß, allerdings liegt die eine Hälfte noch komplett brach, während der erste Teil schon sehr liebevoll gestaltet wurde. Die einzige Möglichkeit, hier über die bereits bestehenden Gebäude hinaus legal noch weiteren Wohnraum zu schaffen (das ist in Spanien auch gar nicht so einfach), ist die sogenannte Camp-Erlaubnis. Diese hat das Paar im vergangenen Jahr beantragt und auch bewilligt bekommen, deshalb gibt es tatsächlich die Chance, auf dem restlichen Land noch mehr Leute hier anzusiedeln. Zum Beispiel in Jurten oder Tiny Houses. Außerdem ist das direkte Nachbargrundstück mit 1,5 ha ebenfalls noch zum Verkauf frei.

Mein Liebster konnte direkt seine gesammelten Erfahrungen nutzen und auch für diesen Garten eine herrliche Steintreppe fabrizieren. Ich half ein wenig beim Lehmsieben und Strohschneiden.

Danach widmete T sich der entstehenden Außenküche und baute dort die Mauern und tragenden Elemente für den geplanten Kochbereich. Ich half währenddessen im Haushalt, setzte u.a. einen neuen Sauerteig an (und verlangte dem schröddeligen Mini-E-Herd Höchstleistungen ab), kümmerte mich mit um die Hühner und war natürlich hauptsächlich für G verantwortlich.

Der verliebte sich gleich in die beiden zahmen Katzen und hatte mit den Kindern viel Spaß auf dem Spielplatz. Allerdings spürte ich seine Sprachbarriere hier viel deutlicher als früher. Während er mit den Leipzigern an unserem letzten Halteplatz sofort losgezogen und Mama abgemeldet gewesen war, brauchte er hier doch sehr viel Rückhalt und Unterstützung, um Kontakt aufzunehmen.

Der junge Husky machte uns allerdings allen ein bisschen das Leben schwer. Ich bin eh nicht so die dolle Hundefreundin, aber ganz besonders anstrengend finde ich wilde und ungestüme Tiere. Noch dazu, wenn sie eine gewisse Größe überschreiten. Und G hat das entweder schon von mir übernommen oder er hat einfach selbst Respekt vor großen Hunden. Da gab es im letzten Jahr leider doch einige Erlebnisse, die nicht so besonders vertrauensfördernd waren, sag ich mal.

Insgesamt haben wir es – vom Powerdog mal abgesehen – wirklich gut getroffen. Das Kennenlernen und Annähern fand übrigens ganz dosiert und entspannt statt und die Familie integrierte uns von Tag zu Tag mehr in ihren Alltag. Zum Beispiel nahmen sie uns mit zum Markt in Valls, zum Waldausflug mit der ganzen Schule, an den Strand und zum Permakulturhof ihres Bekannten.

Schon nach zwei Wochen war also klar, dass wir uns alle sehr gut verstehen. Aber es war trotzdem eine große Überraschung für T und mich, als wir zu dieser Zeit konkret dazu eingeladen wurden, hierher zu ziehen und gemeinsam einen Grundstein für die wachsende Community zu legen.

Damit hätten wir bei dem Entschluss, uns als Gasthelfer zu verdingen, nicht gerechnet. Für uns ist dies hier ja eigentlich nur eine Art und Weise, die Wartezeit bis zum Wetterwechsel sinnvoll zu überbrücken. Ein Leben in Spanien haben wir für uns im Grunde (in erster Linie aus Vernunftsgründen) abgeschrieben.

Es ehrt uns natürlich sehr, dass wir offenbar genug Vertrauenswürdigkeit und Sympathie ausstrahlen, um ein solches Angebot zu erhalten. Ich selbst habe aber ernsthafte Bauchschmerzen bei der Vorstellung, in so einer kleinen Gruppe und so isoliert von allem zu wohnen – egal ob in Deutschland oder woanders. Wobei hier ja zusätzlich auch noch die Sprachbarriere, der Kulturschock (für uns und besonders für den Lütten) und die Frage nach einer nachhaltigen Existenzsicherung dazu kämen.

Demnach müssen wir dieses großzügige Angebot wohl leider doch ausschlagen, denn unser eingebauter Kompass zeigt gerade spürbar gen Norden. Ausgerechnet zur nahezu gleichen Zeit wie die Einladung hier erreichte mich die Email einer Bekannten. Und darin machte sie mich unter anderem auf eine neue, gerade im Entstehen befindliche Gemeinschaft aufmerksam, deren Grundsatzpapier eigentlich alles abdeckt, was wir uns wünschen und für wichtig erachten.

Insofern kann ich berichten, dass das Universum uns gerade einige Angebote machen will. Jetzt müssen wir wohl „nur“ unserem Herzen folgen und die richtigen nächsten Schritte gehen. Was sein soll, wird sicherlich geschehen.

Und wer weiß? Wenn alles gut läuft, schalten wir im kommenden Jahr ja schon unsere eigene Anzeige, um WWOOFer aus aller Welt bei uns willkommen zu heißen? Schön wär´s ja!

Links:

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