Warum ich mich zur Zeit wie Falschgeld fühle

Da hängen wir jetzt also irgendwo im spanischen Nirgendwo. Die Campingplätze, die wir besuchen sind vor allem kostengünstig und ziehen ein sehr klares Publikum an: Rentner_*innen aus Deutschland, Holland, Frankreich und England. Durch die Bank weg sind es Oldies mit ihren Dackeln und Terriern zum Überwintern im milden Süden, die uns hier umzingeln.

Und mittendrin stehen wir: mit unserem mit Abstand ältesten Wohnmobil am Platz und mit dem einzigen Kind vor Ort.

Auf der einen Seite wartet hier das Ghetto mit seinen verwahrlosten Orangenplantagen, den herunter gekommenen Baracken und den kaputten Zäunen. Hinter jedem zweiten Zaun kläffen die vierbeinigen Wachposten.

In die andere Richtung liegt die Geisterstadt wie ausgestorben mit ihren leerstehenden Hochhäusern – ein lieblos hingeklatschter Ferienklotz neben dem anderen. Mit so vielversprechenden Namen wie San Isidro#3, Colon#2 oder Haiti#5.

Die Flanierpromenade wird gesäumt von verrammelten Geschäften. Nur ein kleiner Supermarkt und eine Kneipe sind zu dieser Jahreszeit geöffnet. Hart-Alk gibt’s in rauhen Mengen zu kaufen, die Auslage springt einen direkt an, wenn man das Geschäft betritt. Irgendwie klar bei dem Publikum, oder nicht?!

Wie soll man sich denn da nicht völlig deplatziert vorkommen, bitteschön? Alles wirkt so trostlos und irreal auf mich. Wie eine Kulisse, eine Scheinwelt. Weltuntergangsstimmung macht sich bei mir breit. Es fällt mir schwer, mir den Ort in der Saison vorzustellen. Wenn die Touristen wie die Sardinen in ihren Appartements hocken, die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen und die Restaurants und Bars ihren Jahresumsatz in wenigen Monaten erzielen.

In Spanien kauft man sich das Toastbrot wahlweise mit oder ohne Rinde.

Tofu oder Sojaprodukte gibt es hier gar nicht zu kaufen. Auch keine Brotaufstriche. Weshalb wir leider wieder zu Käse und Kuhmilch-Joghurt gegriffen haben, um nicht das Gefühl zu kriegen, in Sachen Essen nur noch zurück zu stecken.

Dass wir auf dieser Art von Billig-Campingplätzen parken ist absolut nicht meine Idealvorstellung von unserer Reise nach Spanien, das ist schon mal klar. Aber da es so kompliziert ist, ein neues, ein inspirierendes Ziel zu finden, bleibt uns gerade auch nicht viel anderes übrig.

Die finanziellen Hürden, die es gibt, wenn man eine richtige Community kennen lernen möchte, frusten mich tierisch. Wir haben eben keine 60-100 Euro am Tag für Stellplatz und Essen locker. Wer hat die schon, der gerade nicht arbeitet und seine Zeit dem Abenteuer Gemeinschaftssuche gewidmet hat?

Eins weiß ich genau: wenn wir je irgendwann angekommen sind und irgendwo Fuß gefasst haben, werde ich dafür sorgen, dass ein niedrigschwelliges Besuchen und Kennenlernen unsererseits jederzeit möglich ist. Zumindest für Leute, die es wirklich ernst meinen mit dem Neuanfang und die etwas von ihren Sicherheiten riskieren, um eine echte Veränderung herbei zu führen.

Zum Glück hält dieser Zustand, in dem wir uns gerade befinden, nicht mehr ewig an. Wir haben jetzt eine WWOOFing-Zusage von einer vierköpfigen Familie in der Nähe von Taragona erhalten und werden dort noch diese Woche eintreffen. Zwar ist das vielleicht nicht vergleichbar mit dem Besuch einer größeren Lebensgemeinschaft, aber zumindest haben wir dort die Möglichkeit, etwas sinnvolle Arbeit zu leisten und G kann sich auf zwei kleine Spielkameradin_*innen freuen.

Aber ganz egal, wie wenig unsere Zeit in Spanien auch unseren anfänglichen Vorstellungen entspricht, ist es doch trotzdem ein unvergessliches Abenteuer. Allein so unterwegs sein zu dürfen, ist ein absolutes Privileg, dessen bin ich mir wahrlich bewusst.

Wir lernen so viel über uns selbst und über uns als Paar und Familie, dass wir inzwischen doch eine ganze Menge Ideen bekommen haben, wie wir uns vorstellen könnten zu leben und auch was für uns so gar nicht funktionieren würde.

Zur Zeit sammeln wir fleißig Adressen für mögliche Arbeitsstellen und Ausbildungsinstitute für T und recherchieren nach gemeinschaftsaffinen Wohnmöglichkeiten in deren Nähe.

Außerdem machen wir uns viele Gedanken darüber, was wir uns jetzt eigentlich genau vom Leben in Gemeinschaft wünschen, wo wir bereit sind Kompromisse einzugehen und welche realen Ideen wir haben, uns auf lange Sicht eine materielle und soziale Altersvorsorge zu schaffen.

Mal sehen, wie lange der Winter in Deutschland noch andauern wird, denn davon hängt es ab, wann wir mit unserer Suche endlich auch konkret wieder in der alten und hoffentlich auch neuen Heimat weiter machen können.

Das Leben ist ja sowieso immer völlig unvorhersehbar. Und am tiefsten Punkt kommen dann auch wieder ganz plötzlich ein paar Lichtstrahlen zu uns. Zum Beispiel in Form einer anderen Reisefamilie samt Rasselbande…

 

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