Schwarze Pädagogik vom Band

Kennt ihr das auch? Die geliebten Geschichten und Figuren aus den eigenen Kindertagen bekommen mit einigen Jahrzehnten Abstand teilweise einen ganz merkwürdig neuen Geschmack. Da wir hier ja ein paar Tage länger das Bett bzw. den Alkoven hüten mussten, gaben sich Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und Pumuckl die auditive Klinke in die Hand.

Erstere beiden sind auch nach dreißig Jahren noch eine wohlige Freude. Die Folge, in der Benjamin Zahnschmerzen hat, mal außen vor. (Danach geht wahrscheinlich auch das angstfreieste Kind nicht mehr freiwillig zum Zahnarzt?!)

Aber womit ich nicht gerechnet hab, das sind die psychischen Abgründe, die sich mir beim Marathonhören von Pumuckl und seinem Meister Eder eröffnet haben. Da G diese Geschichten besonders gerne mag, werden wir sie wohl auch weiterhin in Gebrauch haben, aber die Erziehungsmethoden, die der alte Schreiner in seinem Repertoire hat, versetzen mich jedesmal in Bestürzung.

Die harmloseren Methoden wie Geschrei und Schimpfe könnte ich wohl noch ohne Probleme mit anhören. Schließlich gibt der Pumuckl da im Zweifelsfall gut contra und ist selbst nicht auf den Mund gefallen.

Allerdings bleibt es nicht dabei, wenn der Eder den Kobold gefügig machen will.  Zuckerbrot und Peitsche sind dann angesagt. Zur Belohnung für gutes Benehmen gibt es Süßigkeiten oder andere Privilegien und Geschenke. Das ist schon ein spürbarer Machtmissbrauch, da die Belohnung für ein erwünschtes Verhalten ja nur die fiese, kleine Schwester der Strafe darstellt, nicht wahr?

Aber wenn selbst das nichts nützt,  dann holt er die richtig böse Strafkeule raus. Oh weh, armer Pumuckl! Da gibt es dann

  • Freiheitsentzug (durch Einsperren in Kisten, Schubladen, im Keller oder der Werkstatt)
  • Liebesentzug (Schweigen, Ignorieren oder der Rauswurf)
  • Essensentzug und unterlassene Hilfeleistung (auch bei Schmerzen und Verletzung wird am Ignorieren konsequent und eisern festgehalten)
  • Körperliche Übergriffe (gegen den Willen in die Waschschüssel stecken)

Auch so manche „verzogene“ Nachbarskinder werden als bösartig und frech bezeichnet. Denen würde Eder am liebsten selbst die verdiente Tracht Prügel geben, aber er lenkt noch ein, denn:

Fremde Kinder darf man ja nicht schlagen.

(Aber die eigenen, völlig abhängigen, ausgelieferten Schutzbefohlenen schon?!).

Mir wird es beim Zuhören der alten Hörspiele jedenfalls ganz plümerant zumute.

Armer Eder denke ich. Du zeigst so deutlich die Spuren deiner eigenen grausamen Kindheit. Wievielen Kindern erging es damals und ergeht es wohl noch heute so schlimm wie dir?

Vielleicht wurde der Pumuckl dir ja geschickt, um dein eigenes traumatisiertes, inneres Kind im Spiegel seiner Leiden wieder zu erkennen? Er ist ein wahrer Segen, ein Entwicklungshelfer mit unmessbarer Energie.

Am liebsten würde ich Eder zurufen: Lass deine Chance nicht ungenutzt verstreichen! Sieh hin und erlaube dir selbst Heilung! So bringst du wiederum ein Stück Heilung in die Welt. Anstatt neuer Gewalt und neuem Leid.

Doch natürlich geht das nicht. Und selbst wenn ich mit ihm reden könnte, ist das alles immer noch leichter gesagt als getan. Die Verantwortung für die eigenen Wunden zu übernehmen und den Weg der Heilung zu gehen, das schafft lange nicht jede_*r aus sich selbst heraus.

Jedenfalls schlucke ich meine erwachsenen Gedanken und Assoziationen mal schön runter, wenn die Geschichten hier laufen und hoffe, dass mein Söhnchen -genau wie ich damals- von seiner kindlichen Naivität geschützt wird. Und für mich selbst ist das Ganze wieder mal ein Reminder daran, wie ich  n i c h t  mit Kindern umgehen will.

Peace.

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