Wieder auf Tour

Habt ihr das Rumpeln auch gehört, als T und mir die großen Felsbrocken vom Herzen gebollert sind? Das war letzte Woche Donnerstag so gegen 12 Uhr Mittag. Der Augenblick, an dem wir Cervera del Maestre verlassen und Kurs auf die endlose Freiheit Spaniens genommen haben!

Der letzte Abend verlief sehr aufreibend, um nicht zu sagen absolut fulminant. Ein Gruppenmitglied erlitt beim gemeinsamen Abendessen eine Bewusstlosigkeit, danach folgten ein Notarztbesuch und lange Gespräche. T war aus (anthroposophisch geprägter) Ärztesicht recht ernüchtert vom abgebrühten Standard-Vorgehen der Ersthelfer_*innen, das kennen wir aber beide auch aus unseren Berufsjahren in medizinischen Branchen in Deutschland leider nicht viel anders.

Dieser Zwischenfall führte aber letztlich dazu, dass wir uns am nächsten Vormittag gar nicht mehr von unserem Gastgeber verabschieden konnten. Wir hoffen, wir sehen ihn in wenigen Wochen noch einmal, wenn wir wieder auf der Durchreise nach Norden sein werden.

Inzwischen haben wir uns nahtlos ans Leben im Wohnmobil gewöhnt. Naja, eigentlich gab es da gar nicht sooo viel zum Um-Gewöhnen. Jedenfalls nicht im negativen Sinne. Unsere zwei Betten sind von der Breite und von der eigenen Bettwäsche her viel komfortabler als die im Gästezimmer der Casa. Die Duschen auf dem ersten Campingplatz gaben uns direkt ein Gefühl von luxuriösem SPA -Urlaub (also gescheiter Wasserdruck, unbegrenzt heißes Wasser und angenehm temperierte Duschhäuser verwöhnten unsere Körper) und mein moralisches Über-Ich freute sich, dass wir ab sofort wieder 100% vegan essen.

Die Tage nur im Familienverbund genießen wir total. G bekommt reichlich ungeteilte Aufmerksamkeit und die Natur begleitet unsere Aufbruchsfreude mit herrlichen Landschaften und angenehmem Frühlingswetter.

Das Meer zeigt sich uns mit seinen unterschiedlichsten Strandformationen und lädt uns täglich auf neue Entdeckungsreisen ein. Sand aus winzig klein gebrochenen Muschelschalen, urige Felsenhöhlen und herrliche Steinmosaike.

Als unser Platznachbar am ersten Tag meinte, der Stand sei ja leider nicht schön für Kinder, habe ich glatt das ‚nicht‘ überhört und direkt zu schwärmen begonnen, wie toll man hier klettern kann und was es alles zu sehen gibt. Haha. Dann hab ich doch noch gemerkt, was er eigentlich gesagt hat und dachte bei mir, wie froh ich bin, dass mein Glas gerade nur halbvoll und überhaupt nicht halbleer sein kann! Dankbarkeit für den Reichtum, der uns zu Füßen liegt.

Auf einer kleinen Bergtour wurden erst mal fleißig Kräuter gesammelt, diese waren die geplanten ‚Suppenzutaten‘. Allerdings habe ich mir ein bisschen Rosmarin und Thymian für unsere Bratkartoffeln stibitzt. (Und am Ende doch vergessen, sie reinzutun. Typisch Ich!)

Auf dem Gipfel des kleinen Berges fanden wir neben einer fantastischen Aussicht und einem beeindruckenden Berg-Echo auch noch allerlei Fossilien und Kristalle vor.

G wollte uns (wie üblich) dazu einspannen, alle seine Schätze für ihn zu tragen. Ein paar kleinere Steine nahm ich dann auch in meine Taschen, aber den Riesenstein, den er mir auch noch aufhalsen wollte (erfolglos), hat er überraschenderweise am Ende selbst den ganzen Weg zurück geschleppt.

Solche Wanderungen wie auf den Berg oder ans Meer erfüllen mich mit einer seltsamen Mischung aus Rührung und Frohsinn. Gerade wenn G bei einem langen Marsch auch mal jammert und wir ihn dann motiviert kriegen, noch etwas durchzuhalten – dann merke ich den Stolz auf meinen kleinen Lieblingsmenschen in mir überschwappen und freue mich mit ihm, wenn er mal wieder über sich hinaus wächst und merkt, wozu er im Stande ist.

Ich finde es mehr als beglückend, gerade so viel exklusive Zeit mit meinen beiden Männern verbringen zu dürfen. Ich mag gerade gar nicht daran denken, wie sich das wieder verwandeln wird, falls wir tatsächlich mehr oder weniger komplett ins System zurück kehren und T Vollzeitstelle, Psychotherapie-Ausbildung und Pendelstrecken wird bedienen müssen.

Unser fahrendes Zuhause ist jetzt erst mal gut sortiert und neu aufgeräumt. Alles hat seinen Platz gefunden, seltener benötigte Dinge sind besser verstaut als zuvor. Unsere Akkus als Familie sind auch wieder voll aufgeladen. So langsam bekommen mein Mann und ich da erneut Lust, die Gemeinschafts(be)suche noch ein wenig weiter zu führen.

Auch wenn wir im Augenblick nicht mehr so konkret nach einem Lebensort (in Spanien) Ausschau halten und unser Plan für die Rückkehr in einigen Wochen ziemlich fest steht, wollen wir diese einmalige Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen.

So ungebunden, losgelöst und frei werden wir wahrscheinlich nicht so schnell wieder sein. Nicht, wenn sich unsere Planung ansatzweise durchführen lässt und wir hoffentlich noch in diesem Jahr ein neues, dauerhaftes Zuhause in Deutschland finden werden.

 

Andalusien, wir kommen! (Jetzt aber wirklich.)

 

Schreibe einen Kommentar

*