Bindungsseminar 15./16.4. in Much

Ein wenig entrückt fühle ich mich zwar noch von den vielen Eindrücken des vergangenen Wochenendes, aber ein kleines Resumee sollte ich auch in diesem Zustand schreiben können. Ich schaue nun zurück auf zwei Tage voll lebendigen Austausches und (für mich sehr) beeindruckender Erkenntnisse: Wie spürbar die An- oder Abwesenheit von Bindung zwischen den Menschen ist, habe ich unwiderlegbar am eigenen Körper erfahren dürfen.

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Unsere Gruppe bestand aus 17 Teilnehmer_*innen und war in Bezug auf Alter und Biographie extrem bunt gemischt. Doch jede_*r einzelne brachte ein hohes Maß an Offenheit, Neugier und dem Wunsch nach Wachstum und Entwicklung mit ein. Das machte die gemeinsamen Stunden zu etwas ganz Besonderem.

Ausgangspunkt der Tagung war Frau Hannigs zuletzt veröffentlichte Broschüre: ein Sammelband ihrer ersten 10 Impulse zur bindungsorientierten Elternschaft und Erziehung. Wir kamen mit einer Vielzahl an Fragen aus sehr unterschiedlichen Lebensphasen angereist, um unser Verständnis für eine bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft, Pflegeelternschaft, Großelternschaft oder professionelle Erziehungsarbeit bzw. Elternarbeit zu vertiefen.

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Das Programm führte uns von einem grundlegenden Verständnis für Bindung und deren möglichen Störfaktoren, über die naturgegebenen menschlichen Bedürfnisse allgemein, elementare kindliche Bedürfnisse nach Rhythmus, elterlicher Führung und Autorität im besonderen, hin zu den praktischen Möglichkeiten der Selbstanbindung und Themen rund um konkrete Konfliktsituationen im Erziehungsalltag.

Es fand eine Reihe an praktischen Übungen zur Selbsterfahrung statt und ich war tief beeindruckt von der ansteckenden Wirkung der (inneren) Erregungszustände, das heißt von Zuständen des Nicht-Angebundenseins seitens der Übenden – und umgekehrt von der unsagbar friedvollen Ausstrahlung der Personen nach der kurzen Sequenz des Selbst-Anbindens. Diese Stimmung, diese vegetativen Zustände ließen mich auf meinem Stuhl schwitzen, zittern, kalte Hände kriegen und später Tränen der Rührung vergießen und ein Gefühl der Heiligkeit empfinden – allein beim Beobachten der erspürten Emotionen. Es war einfach unglaublich.

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So gern würde ich all diese Erfahrungen sofort in die Welt hinaus schreien. Ihre Kraft multiplizieren, sie nähren und verbreiten, um möglichst viele Menschen auf den bindungsorientierten Weg zu leiten. Doch fühle ich mich gleichzeitig noch ganz am Anfang meiner Reise. Nicht, dass ich retrospektiv dank meiner eigenen Persönlichkeit und Biographie schon einiges intuitiv richtig machen konnte. Aber die bewusste Verbindung mit meinem eigenen, körperlichen Energiefluss zu etablieren, ist das, was meinen Alltag von jetzt an erst einmal bestimmen wird. Die Achtsamkeit zu finden, meine Bedürfnisse, meine Emotionen zu erfühlen, mir ihrer wirklich bewusst zu werden, sie anzunehmen und schließlich zu innerer Klarheit und Entspannung zu finden, ist oft leichter gesagt als wirklich getan.
Auch mich aus einem Zustand der Entspannung heraus klar abzugrenzen, wenn es notwendig ist, ist sicher nicht die leichteste Aufgabe für mich (doch Abgrenzung und Autonomie sind immer die andere Seite der Bindungsmedaille. Und das eine kann ohne das andere nicht stattfinden).

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Hier gilt es nun, mich als Übende, als Suchende zu verstehen und mich den Herausforderungen meiner eigenen Entwicklung zu stellen. Sehr erhellend war für mich die Einsicht, dass mein Kind selbst sehr selten negative Emotionen in mir auslöst, sondern dass mein Hauptthema der externe Stress, Erwartungen durch mich selbst oder von anderen an mich, meine Energie ins Stocken bringen und mich somit aus dem Zustand des Angebundenseins heraus reißen – was wiederum Auswirkungen auf meinen Kontakt zu meinem Kind hat, derer ich mir nun noch besser bewusst werden kann.

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Nichtsdestotrotz, auch wenn ich selbst erst vor kurzer Zeit zu diesem Wissensschatz Zugang gefunden habe, heißt das ja nicht, dass ich mich nicht dafür einsetzen kann, auch bei anderen die Neugier und Lust auf mehr Bindung in ihrem Leben zu wecken. Meine eng befreundeten Mütter und die Schwiegereltern sind schon mal mit Frau Hannigs Broschüren versorgt *grins* Auch eine Nachbarin gab mir heute die Möglichkeit, mit ihr ins Gespräch über Erziehung zu kommen und vielleicht öffnen sich ja durch meine innere Haltung bald mehr Türen, als ich mir gerade so vorstellen kann.

Mein Verständnis für alle (auch weniger bekannten) kindlichen Bedürfnisse konnte durch das Seminar schon ordentlich erweitert werden, und tatsächlich ersetzt das Lesen der veröffentlichten Texte für mich nicht das unmittelbare Erleben eines derartig intensiven persönlichen Kontakts. Ich bin sehr dankbar, dass ich an der Tagung teilnehmen und all diese wundervollen Menschen kennen lernen durfte. Momentan gehe ich mit einem sehr durchlässigen, weit geöffneten Herzen durch meinen Tag und es fühlt sich ganz wunderbar an. Hoffentlich schaffe ich es, diese Fähigkeiten weiter zu vertiefen und irgendwann vielleicht selbst an andere weiter zu geben.

2 Kommentare bei „Bindungsseminar 15./16.4. in Much“

  1. 🙂
    7 Sekunden…!!!

    1. Liebste Vivi,
      das ist ja noch ´ne vertretbare Dauer, würde ich sagen!
      Ich hoffe, Euch vieren geht´s gut soweit.
      Lieb! J.

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