Gedanken über Gemeinschaftsbildung

Ausgelöst durch einen spannenden Konflikt mit mehreren Personen in unserem Kinderladen habe ich in den letzten Tagen mal wieder ein wenig mehr über Gemeinschaft nachgedacht. Aber schon seit ich mich mit der Frage auseinander setze, wie ich gerne den Rest meines Lebens verbringen möchte, komme ich immer wieder zu dem zentralen Punkt der Gemeinschaftsbildung zurück.

In meinem privaten Umfeld habe ich bislang eher wenig Gemeinschaftsleben erfahren dürfen. Zwar würde ich sagen, dass ich gut sozial eingebettet bin in ein Netz aus Freunden und Familie. Aber irgendwie bestehen die meisten Kontakte recht isoliert für sich selbst, ohne direkten Bezug zu den anderen Menschen in meinem Leben. Was wir außerdem nicht haben, ist ein gemeinsames (großes) Ziel, für das man zusammen arbeiten, sich abstimmen oder Kompromisse finden muss.

Besonders schöne gemeinschaftliche Momente hatte ich sicherlich in meiner Ausbildungszeit, erst auf der Heilpraktikerschule und später mit dem Hebammenkurs. Auch auf einer Yogareise und während eines Seminars über mehrere Wochen hinweg sammelte ich bereichernde Erfahrungen. Aber all diese Erlebnisse waren von vornherein auf eine mehr oder weniger kurze Zeit befristet und hatten dementsprechend auch nicht das Potential wirklich in die Tiefe zu gehen.

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Statt dessen fand ich meine bisher intensivsten Gemeinschaftserfahrungen vor allem in Form von Teamarbeit, also in einem professionellen Setting. Das gemeinsame Ziel orientierte sich an beruflichen Aufgaben und Anforderungen. Je enger die Zusammenarbeit war, zum Beispiel in unserem Hebammenteam, desto mehr Reibungspunkte gab es im alltäglichen Zusammenwirken. Ich erinnere mich, dass der Austausch und die gemeinsame Basis am besten funktionierte, als ich bloß mit einer Kollegin zusammen gearbeitet habe. Diese Zeit werde ich immer in meiner Erinnerung und in meinem Herzen tragen, denn sie hat mir gezeigt, dass es möglich ist, wirklich gut und vertrauensvoll, umsorgend, Hand in Hand miteinander zu arbeiten.

Die Jahre danach waren dann geprägt von einem wachsenden Hebammenteam und einer regelmäßigen Fluktuation. Bereits ab einer Dreier-Team-Konstellation wurde das gegenseitige Verstehen und einander offen und wahrhaftig zu begegnen schwieriger, es gab mehr Missverständnisse und gestörte Befindlichkeiten. Zum Schluss bestand unser Team aus 5 Hebammen und ich glaube ein wesentlicher Faktor, der das Gemeinschaftsgefühl über die Jahre gestärkt und am Leben erhalten hat, war die Tatsache, dass wir mindestens zweimal im Jahr gemeinsam zur Supervision gegangen sind. Und zwar nicht erst, als schon dicke Luft herrschte (so war es leider in meinem ersten Team geschehen), sondern tatsächlich präventiv. Sich ehrlich begegnen, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse klar kommunizieren, Missverständnisse wirklich klären, so dass man hinterher gerührt und erleichtert die Praxis verlassen konnte. Dies war ein tragender Pfeiler in unserer kleinen Gemeinschaft, die sich immer neuen Herausforderungen stellen und an neue Situationen anpassen musste.

In dieser Zeit und durch diese Gespräche habe ich viel Neues erfahren und den Wert eines solch ehrlichen Umgangs miteinander schätzen gelernt. Für mich ist ganz klar, dass jeder Mensch seinen eigenen wichtigen Beitrag in eine Gemeinschaft einbringen kann und dass sowohl die als solches bewerteten Stärken als auch Schwächen dazu beitragen können, Wachstum und Zusammenhalt zu fördern. Vorausgesetzt alle Beteiligten sind auch motiviert den Weg gemeinsam zu gehen.

Es braucht den Ehrgeizigen und den Entspannten, den Kritiker und den Optimisten, den Nüchternen und den Emotionalen, den Besserwisser und den Fünfe-Grade-Seinlasser, den Faktenkenner und den Kreativen, den Langerfahrenen und das Jungblut und so weiter und so fort. Jede Qualität, jede Eigenschaft hat ihren Sinn und wenn man das anerkennt und stets darum bemüht ist, sein Gegenüber mit Liebe und Respekt zu behandeln und nicht zu verurteilen, kann aus all diesen unterschiedlichen Energien ein unglaublich kraftvolles Ganzes entstehen.

Ich finde es total wichtig, dass jede Person der Gemeinschaft wertgeschätzt und gesehen wird und auch das Gefühl hat, ihren eigenen Platz finden zu dürfen. Welcher sich über die Zeit auch verändern und neu erfunden werden darf. Denn schließlich ist alles ständig im Wandel, warum also nicht auch unsere eigene Rolle, unsere Aufgaben, unsere Position?

Und eine weitere wichtige Erkenntnis: Konflikte sind etwas Tolles, etwas unglaublich Spannendes. Man lernt so viel über sich selbst: wo man im Leben steht, was man wirklich fühlt und denkt, was man braucht und sich wünscht. Sie bieten die Chance für inneres Reifen und Wachsen: z.B. wie man sich in die Beobachterrolle begeben und das eigene Ego mal einen Schritt zurück treten lassen kann oder was einem hilft, die freiwerdende emotionale Energie in eine sinnvolle Richtung zu lenken. Und man lernt die Menschen, mit denen der Konflikt besteht, auf eine völlig neue Weise kennen. Solange Harmonie herrscht, begeben sich nur die wenigsten Menschen aus ihrer Komfortzone, aus ihren geliebten Klischees heraus wie „Hallo, wie geht´s?“ oder „Einen schönen Tag noch!“. Nein, erst wenn Meinungen, Ideen, Werte oder Herangehensweisen aufeinander prallen, kann man wirklich etwas Wahrhaftiges voneinander (kennen)lernen.

So gehe ich also aus dem Konflikt der letzten Wochen auch tatsächlich bereichert heraus. Ich konnte einige Menschen in neuem Licht betrachten und mich selbst dabei beobachten, wie ich versuchte aus den vom Universum ausgeteilten Karten das Beste zu machen. Ich wurde daran erinnert, wofür ich einstehe und welche Stärken ich besitze und wo noch Schwächen vorhanden sind, zum Beispiel beim Einschätzen von Reaktionen anderer auf mein Handeln oder in Sachen Strategieplanung für ein konstruktives Zueinanderfinden, auch wenn Konfliktpotential besteht…

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Leider habe ich diesmal nicht die Art von Gemeinschaft vorgefunden, in welcher ich gerne wirken und arbeiten möchte. So kann ich meine Pläne für dieses Jahr auch guten Gewissens wieder ändern und mich aus den organisatorischen Belangen des Kinderladens komplett raus halten, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Die nächste Chance, mich mit ganzem Elan und Engagement einsetzen zu können, wird sicher eines Tages auftauchen und ich weiß, dass ich in einer wie oben beschriebenen Gemeinschaft, in der Verschiedenheit als Geschenk angesehen und das gemeinsame Ziel in den Fokus genommen wird, auch gerne wieder meine Kraft einsetzen und meinen Beitrag leisten werde. Aber alles, alles hat seine Zeit und nichts geschieht ohne Grund.

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