Coming out – Auswandertagebuch

Ein kleiner – oder doch großer? – Schritt auf dem Wege des Auswanderns liegt hinter mir: im Kinderladen wissen nun alle Bescheid über unsere Pläne. Eigentlich wollte ich noch ein bißchen warten, bis alles sich konkreter abzeichnet, aber einem Impuls folgend habe ich auf dem gestrigen Elternabend doch die Karten auf den Tisch gelegt.

Auszuwandern ist für uns ein langsamer, schleichender Prozess. Schon seit 2011 spielten wir ernsthaft in Gedanken diese Option durch, doch erst 2014 wurde aus Träumerei die Gewissheit, dass dies der Weg ist, den wir gemeinsam beschreiten wollen.
Unseren Eltern und engeren Freunden haben wir schon recht bald darauf von unseren Plänen erzählt. Wir wollten, dass vor allem die Familie lange Zeit hat, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Verständlicherweise wurde unsere Offenbarung nicht gerade mit Jubelschreien aufgenommen – und auch uns wird es in regelmäßigen Abständen schwer ums Herz, wenn wir darüber nachdenken, was bzw. wen wir hier alles zurück lassen müssen, um unseren Lebenstraum zu verwirklichen.

Die schönste Reaktion kam eigentlich von meinem Vater. Er sagte, er würde es sich nicht verzeihen, wenn wir ihretwegen in Deutschland bleiben würden und dann mit dieser Entscheidung ein Leben lang unglücklich wären. Und dieses Gefühl versuche ich in den Momenten der Wehmut herauf zu beschwören: wir wissen, WARUM wir genau jetzt, genau in dieses Land umziehen wollen. Dass es so weit entfernt von unseren Lieben ist, ist ein trauriger Fakt, aber er ändert nichts an unserer Motivation und unserem dringenden Wunsch, das Land zu verlassen.

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Gestern Abend saß ich also beim Elternabend und nachdem alle organisatorischen Dinge besprochen waren, teilte uns eine der Erzieherinnen mit, dass sie zum August den Kinderladen verlassen würde. Irgendwie war die Stimmung danach so gedrückt und viele waren den Tränen nah, jedenfalls spürte ich das dringende Bedürfnis, auch unsere Pläne offen zu legen. Und glücklicherweise schaffte diese Neuigkeit, insbesondere das Ziel unserer Auswanderungspläne, ein wenig positive Energie.
Ich dachte darüber nach, was es für G bedeuten wird, erst seine Herzenserzieherin und kurz darauf auch noch eine zweite Erzieherin, deren Vertrag ausläuft, zu verabschieden. Und wieder wurde ich ein wenig wehmütig um seinetwillen, denn diese Veränderungen werden wohl erst der Auftakt für viele weitere Abschiede und einen neuen, teilweise beunruhigenden Lebensabschnitt sein.

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Ich hoffe inständig, dass wir das Richtige tun. Es ist eine riesengroße Herausforderung und besonders für unseren Sohn wird es viel sein, das verarbeitet werden muss. Dennoch sehe ich auch weiterhin das Positive, auch gerade für ihn: wir machen uns auf in ein unglaublich fantastisches Abenteuer, in das schönste Land, das wir uns vorstellen können. Mein Kind wird eine Kindheit voll von Naturerfahrungen und in direkter Nähe zum Meer erleben und es wird mit Leichtigkeit eine zweite Sprache – die Weltsprache schlechthin – erlernen können.

Übermorgen erfahre ich das Ergebnis meines Sprachtests und werde dann sehen, ob ich meine Ansprüche an mich selbst erfüllen konnte. T beginnt in wenigen Wochen seine Vorbereitungen für die Facharztprüfung und ich bin fleißig dabei, To-Do-Listen für meine Aufgabe als Auswanderungs-Managerin zu erstellen.

2016. Ein Jahr der großen Veränderungen liegt vor uns. Ich bin so unendlich dankbar für alles, was mir zuteil wird. Ich hoffe, ich schaffe es, mein Kind durch die Höhen und Tiefen unseres Lebensentwurfes hindurch zu begleiten, auf dass es daran wachse und selbst eines Tages seine wichtigen, großen Entscheidungen treffen kann.

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