Schöne, neue Welt

In den letzten Tagen habe ich mal wieder etwas Zeit gehabt, im Internet zu surfen und auf all den tollen Blogs und Webseiten der Weltverbesserer_*innen zu stöbern. Ich habe viele Texte und Videos gefunden, die mich in meinem Weg absolut bestärken, weitere Facetten von Nachhaltigkeit aufdecken und mich motivieren, dran zu bleiben und auf keinen Fall aufzugeben. Doch andererseits schüren all diese Bilder und Berichte meine Ängste in Bezug auf die Zukunft, die nicht allzu ferne Zukunft.

Denn ich frage mich immer öfter, in was für einer Welt leben wir momentan? Kennt ihr die Tribute von Panem? Die Gesellschaft in dieser Geschichte ist in klare Distrikte aufgeteilt. Vorne weg haben wir das Kapitol, die Privilegierten. Dessen Einwohner_*innen werden in einen Zustand des Luxus und Überflusses hinein geboren und dazu erzogen, diesen als selbstverständlich und gerecht hinzunehmen. Unschöne Informationen jeglicher Art werden ihnen vorenthalten, sie sind dem Konsum und dem Schönheitswahn verpflichtet und verbringen ihre Zeit damit, sich die Haare blau, die Haut glitzerndrot zu färben und bei ihren Gelagen statt der altbekannten Gänsefeder einen kleinen Chemiecocktail einzunehmen, um nach erfolgter Entleerung weiter ungehemmt schlemmen zu können.

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Die Mittelschicht besteht aus den Handlanger_*innen des Kapitols. Sie werden bei guter Versorgung gehalten, um ihre Loyalität zu erkaufen. Dafür halten sie die unschönen Tatsachen der Gesellschaftsstruktur aus, ja sind aktiver Teil des Systems, ohne ihre Macht und Überlegenheit, könnten die niederen Distrikte nicht unter Kontrolle gehalten werden.

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Und damit sind wir auch schon am Ende der Nahrungskette: Der größte Teil der Menschen lebt unter unwürdigen, ärmlichen Verhältnissen. Sie müssen, Not, Hunger, Krankheit, willkürliche Gewalt und Brutalität erdulden und sich von früh bis spät zu Tode schuften, um den Wohlstand des Kapitols aufrecht zu erhalten. Sie sind die klassischen Sklav_*innen, geboren um sich zu ducken und zu buckeln, ein Leben lang in Angst und Leid.

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Ist diese „Fiktion“ so weit entfernt von unserer heutigen Realität? Ich glaube nicht. Wäre ich zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort auf die Welt gekommen, hätte ich ganz bestimmt nicht die Privilegien von Nahrung, Bildung, Sicherheit, Gewaltfreiheit, Gesundheitsversorgung etc. etc. genießen dürfen. Ich bin mir dessen schmerzhaft bewusst und arbeite jeden Tag daran, eine Lebensweise zu etablieren, die den geringst möglichen Schaden an den Mitmenschen dieser Welt, der Natur, den Tieren und der Erde anrichtet.

Aber es gibt auch noch eine weitere Geschichte von einer anderen Gesellschaftsvision: der gute alte Huxley hat sie geschrieben, schon 1932 erschien das Buch Brave new world. Besonders interessant finde ich die Vorstellung, dass die menschliche Fortpflanzung irgendwann kein natürlicher Prozess mehr sein würde. Der Embryo wird von (künstlicher) Befruchtung an kontrolliert, selektiert, konditioniert, manipuliert. Um so die perfekten Menschenklassen für die notwendigen Arbeiten hervor zu bringen. Dank dem dritten Reich und der damit eingetretenen radikalen Veränderung des Menschenbildes, stehen wir heute an einem Punkt in der Medizin -und in der Geburtshilfe im Besonderen- wo Gesundheit und Menschlichkeit keine Priorität mehr haben. Es geht nur noch um Effizienz, Funktionalität, Machbarkeit und Technisierung.

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In Brave new world wird der Mensch als solches dank medizinischem Fortschritt ein Leben lang auf 100% Leistungsfähigkeit gehalten und der Zeitpunkt seines Ausscheidens aus dem produktiven Arbeitsleben und sein Todeszeitpunkt fallen idealerweise zusammen.

Ach und zu guter letzt fällt mir dann noch der Roman 1984 ein. Eine Zeit, in der man als gläserner Mensch keine Chance mehr auf Privatleben oder Geheimnisse hat. Eine Zeit, in der man sich den schizophrenen, zensierten Informationen der Regierung voll und ganz hingeben muss, wenn man nicht in Folter und Gefangenschaft enden möchte. Eine Zeit, in der die drei Weltmächte sich willkürlich mal mit dem einen und mal mit dem anderen im Krieg befinden, um so die hohen Kosten für das Militär zu rechtfertigen und ein Feindbild zu erschaffen, welches nicht in den eigenen Reihen zu finden ist.

Oh, je mehr ich über diese Bücher nachdenke, desto mehr gruselt es mich vor unserer schönen, neuen Welt, die in vielen Aspekten den Fiktionen sehr nahe kommt oder auf dem besten Wege dorthin ist. Denn das alles ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Probleme unserer globalen Gesellschaft sind so vielschichtig und so kompliziert, dass ich mich hilflos und verzweifelt fühle, angesichts der mächtigen Konzerne und ihrer Lobbyisten, die nur dem Profit und dem mehr, mehr, mehr nacheifern – ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie unser Planet (das schließt alle auf diesem lebenden Kreaturen mit ein) in 10, 50, 100 oder 1000 Jahren aussehen soll?

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Irgendwie frage ich mich schon, ob Auswandern (was wiederum das Ausnutzen eines riesigen, unverdienten Privileges bedeutet) die richtige Entscheidung ist. Andererseits ruft alles in mir: JA! Weg hier, solange du noch kannst. Was ist Neuseeland für mich? Es ist das Land hinter Distrikt 12, der blinde Fleck, den das Kapitol noch nicht zu 100% in seinen Klauen unter Kontrolle hat. Es ist das Wilden-Reservat, in dem man sich noch natürlicherweise fortpflanzen und seine Mutter auch Mutter nennen darf und es ist ein Ort, dessen klimatische Verhältnisse uns Unabhängigkeit in vielerlei existenzieller Hinsicht bieten können.

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Ich hoffe, dass wir alle noch eine Chance auf Heilung haben. Ich wünsche mir, dass die Gemeinschaft derjenigen, die sich um das BESSER und nicht mehr um das MEHR kümmert, wächst und wächst.

Darum schreibe ich hier. Bitte, macht alle mit! Gebt nicht auf! Unseren Mitmenschen zuliebe, unseren Kindern zuliebe, der Erde zuliebe!

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