Ich probier´s mit Montepikdorf

Wenn mir jemand begegnet, der oder die den eigenen Weg für den einzig Richtigen hält, gehe ich innerlich automatisch auf Abstand. Sofort mache ich die Schotten dicht, wenn mich mein Gegenüber missionarsartig von einer bestimmten Handlungsweise überzeugen möchte. Deswegen habe ich auch ein Grundmisstrauen in jede Religion, deren Anhänger_*innen andere Glaubensformen nicht als ebenbürtig anerkennen. Und kulturelle Riten, die keinen Platz für individuelle Entscheidungsfreiheiten lassen, verursachen mir Unbehagen und Fluchtinstinkte.

Wenn man als frischgebackene Mutter (Vater/*) in die Welt der Eltern-Community eintaucht, bekommt man schnell den Eindruck, dass auch die Entscheidung für oder gegen einen bestimmen pädagogischen Ansatz einer Religionszugehörigkeit gleichkommt und dogmatisch verteidigt werden muss. Ich oute mich an dieser Stelle schon mal als anti-dogmatisches, sich selbst jeden Tag neu erfindendes Muttertier.

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Doch auch ich bin nicht frei davon, mich in Bezug auf den Umgang mit meinem Kinde zu belesen und inspirieren lassen zu wollen und ich bin letztendlich bei drei großen Richtungen gelandet, die mir alle auf ihre Weise helfen, meine Aufgabe als Mutter zu bewältigen. Es handelt sich dabei um die Ansätze von Maria Montessori, Emmi Pikler und Rudolf Steiner (Waldorfpädagogik).

Dies wird jetzt keine Abhandlung über die tiefen Hintergründe der verschiedenen Sichtweisen. Stattdessen biete ich euch mein persönliches Was-ich-mitgenommen-habe-Potpourri, eine Art Pädagogikeintopf, der mein Muttersein grob umreißt. Ich hoffe, ich finde bald die Zeit, auf die einzelnen Punkte noch mal genauer einzugehen, aber hier kommt jetzt erstmal mein Eltern-1-mal-1 nach Montepikdorf:

Meine innere Haltung:

Kinder sind unser wertvollstes Gut. Sie sind vollkommen unschuldig und verdienen nur die beste und rücksichtsvollste Behandlung. Und vielleicht das wichtigste: Sie sind keine kleinen Erwachsenen, sie sind Kinder. Und genau so, wie sie sind, sind sie perfekt.

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Ich verstehe mich als Begleiterin, als Helfende. Ich mag das Bild des Butlers (im englischen sehr schön auch The Waiter genannt), welcher immer im Hintergrund zur Verfügung steht, jederzeit zur Diensten ist, wenn er wirklich gebraucht wird, aber niemals aufdringlich eingreifen würde, wenn er nicht gerufen wird.

Ich möchte geduldig sein und meinem Kind Zeit geben. Die Zeit, Dinge selbst zu entdecken, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen und eigene Lösungen für die Probleme dieser Welt zu finden. Immer wieder ermahne ich mich selbst, mich zurück zu nehmen und mein Kind gewähren bzw. agieren zu lassen, so wie es ihm in den Sinn kommt.

Mein Kind soll Raum haben, Raum sich zu bewegen, ungestört und ungehemmt. Mein Kind soll Freude an der Bewegung finden und sich seinen Körper in seinem ureigenen Tempo zu eigen machen. Es soll seine Grenzen erfahren, lernen mit ihnen umzugehen. Selbstvertrauen entwickeln und sich in seinem Körper zuhause fühlen.

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Die vorbereitete Umgebung:

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass sich unser Kind willkommen fühlt, es ist unser Gast. Es soll sich in einer liebevoll eingerichteten Umgebung aufhalten und bewegen können, die sicher und einladend ist, ihm die Möglichkeit zum selbständigen Handeln und selbstwirksam Sein eröffnen. Da wir nun gemeinsam einen Lebensraum teilen, richte ich die Räume auch entsprechend ein, so dass mein Kind sich in der ganzen Wohnung wohl fühlen und aktiv werden kann, ohne dass ich es ständig bremsen und maßregeln muss.

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Die Arbeit des Kindes ist hoch komplex und verdient es, dass wir sie wertschätzen und nicht als „Spielerei“ abtun. Es entwickelt sich ohne Pause und lernt in jedem Moment Neues dazu. Ich möchte ihm dabei helfen, die Welt mit allen Sinnen zu entdecken, seinen Interessen zu folgen, die Hände zu gebrauchen und seinen eigenen Weg zu beschreiten.

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Der Umgang mit Materialien:

Die angebotenen Materialien suche ich nach ihrer Ästhetik, Qualität und nach ihrem praktischen Nutzen für das Kind aus. Weniger ist absolut mehr. Die Interessen und der Entwicklungsstand beeinflussen die Auswahl. Lieber lasse ich uninteressante Gegenstände verschwinden und tausche sie gegen andere aus, anstatt den Spielraum des Kindes mit zu vielen Dingen zu überladen. Ich versuche, nicht funktionstüchtige Imitate zu vermeiden und meinem Kind Materialien anzubieten, mit denen es real umgehen und arbeiten kann.

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Alles hat möglichst einen festen Platz, dies hilft dem Kind sich zu orientieren und das gibt wiederum Sicherheit. Die Welt wird ihm nach und nach vertrauter und es entwickelt seinen eigenen Sinn für Struktur und Ordnung.

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Den Alltag gestalten:

Kinder wünschen sich nichts sehnlicher, als dazu zu gehören. Sie wollen Teil der Gemeinschaft sein und alles nachahmen, was ihre großen Vorbilder tun. Sie wollen kooperieren, mithelfen, mit dabei sein.
Ich versuche, mein Kind so viel wie möglich in die Tätigkeiten des täglichen Lebens mit einzubeziehen. Manchmal geht das über Vorübungen und Zwischenschritte, manches können auch sehr kleine Kinder tatsächlich schon selbst tun – wenn man sie lässt. Hier kommen wieder die innere Haltung und die vorbereitete Umgebung zum Tragen.

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Erlebnisse in und mit der Natur sind mir sehr wichtig. In der Stadt ist es nicht immer leicht, diese zu ermöglichen, aber wir geben unser Bestes. Der Gemüseanbau auf unserem Feld ist ganz bestimmt ein wichtiger Pfeiler in dieser Beziehung.

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Rituale leben:

Ich möchte meinem Kind mit Ritualen helfen, sich im Rhythmus des Lebens einzufinden. Dabei sind es Kleinigkeiten, keine steifen oder strengen Sitten, die zu unseren Ritualen werden und das Kind so sanft und fließend durch den Alltag geleiten sollen. Wiederholung gibt auch hier Sicherheit. Zu wissen, was als nächstes passiert, stärkt das Kind und macht ihm Freude zugleich.

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Zu den Abläufen im Alltag kommen wieder kehrende Traditionen im Jahreslauf hinzu. Diese kreieren wir für uns als kleine Familie neu und wachsen hier mit unserem Kind und seinem Verständnis für die Dinge um ihn herum mit. Ich liebe es zu singen, Lieder und Verse begleiten uns durch den Tag und sind in vielen Lebenslagen gute Hilfen, wenn es mal eine Aufmunterung oder einen Stimmungswechsel braucht.

Realwelt und Fantasie:

Momentan ist unser Kleiner noch so damit beschäftigt, die Zusammenhänge der Welt um ihn herum zu verstehen, dass ich auf Fantasiegebilde und -geschichten weitesgehend verzichte. Ich habe nicht vor, diese gänzlich von ihm fernzuhalten, aber ich empfinde es momentan noch als zu große Verwirrung und Störung für seinen Lernprozess, zum Beispiel Bücher zu kaufen, in denen die Tiere sehr vermenschlicht dargestellt oder absolut unmögliche Szenarien abgebildet werden. Stattdessen setze ich auf realistische (Foto-)Abbildungen sowie schöne Zeichnungen von echten Szenen des Lebens.

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Jeder Mensch hat eine in sich wohnende Kreativität. Diese kann viele verschiedene Formen des Ausdrucks erlangen. Ich habe schon angefangen, G. zu Aktivitäten mit Farben und mit Knete einzuladen. Auch einige Musikinstrumente stehen immer für ihn in Reichweite. Wenn er etwas älter wird und noch etwas verständiger in diesem Bereich, freue ich mich schon auf viele weitere Anregungen rund ums Malen, Bauen und Gestalten. Sein Bereich hält außerdem Naturmaterialien, Spieltücher und dergleichen für ihn bereit, um Fantasie und freies Spiel von ganz allein anzuregen.

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Ich denke, dies reicht vorerst als Bestandsaufnahme meines Mutterseins. Die einzelnen Themen werde ich mit der Zeit sicher noch vertiefen. In den Zitaten findet ihr vielleicht auch jetzt schon ein paar schöne Inspirationen für den Umgang mit dem (eurem) Kind.

2 Kommentare bei „Ich probier´s mit Montepikdorf“

  1. Gerade in Hinblick auf die „vorbereitete Umgebung“ kommt mir immer wieder mein eigener Haushalt in den Sinn, in dem zwei Kinder leben.

    Die Montessori-Blogs, die mir einfallen (entschuldige, Frau Montepikdorf ;)), zeigen Umgebungen mit einem Kind. Mir fällt es total schwer, klare Strukturen und Arbeitsplätze für das kleine Kind zu schaffen, während das große Kind mit fast fünf Jahren schon sehr viel mehr Platz für seine Spiele braucht und auch seinen eigenen Ordnungssinn natürlich viel stärker bei uns durchsetzt.

    Gibt es hierzu denn Literatur und/oder Erfahrungen? Ohne die Wohnungebung auch zu sehr in „für Kleine“ und „für Große“ einzuteilen?

    1. Liebe Maria,
      danke für deine Anmerkung. Ich denke, dass es nur sehr schwer möglich ist, Arbeitsbereiche so zu zu schneiden, dass sie zum Beispiel für ein Kleinkind und ein Schulkind (oder so ähnlich) gleichermaßen passen. Das größere Kind braucht wahrscheinlich schon einen geschützten Raum, in dem es werken, malen oder bauen kann, ohne die ganze Zeit das tollpatschige Geschwisterchen fürchten zu müssen.
      Vielleicht kann man für solche Fälle mal ein paar Tage lang eine Art Absperrung nutzen wie diese hier. Ansonsten würde ich wohl versuchen, mit Tabletts / Körbchen zu arbeiten, die nur in Reichweite des Großen sind und die es nach Bedarf an den Tisch oder auf den Boden holen kann und wieder aufräumt, wenn es damit fertig ist. Blogs mit 2 und mehr Kindern habe ich bisher nur im englischsprachigen Raum gefunden, besonders mag ich da How we montessori
      Ich wünsche dir viel Erfolg mit dem Balanceakt, für 2 verschiedene Entwicklungsstufen die Umgebung anzupassen!

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