Sensible Phasen

So wie es unter anderem das Prinzip der Nachahmung im kindlichen Lernprozess gibt, so beschrieb Maria Montessori außerdem die sogenannten sensiblen Phasen. In dieser Zeit verspürt das Kind den unwiderstehlichen Drang, eine bestimmte Fähigkeit zu erlernen.

Aus sich selbst heraus entspringt die Motivation und wird solange genährt, bis das Kind den Lernprozess für sich abgeschlossen hat und sich neuen Themen zuwenden kann.

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Voraussetzungen für ein völliges Aufgehen in seinem Tun (Flowerlebnis) und damit einhergehendem größtmöglichen Lernerfolg sind unter anderem die sichere Umgebung und die Möglichkeit des Ausprobierens und Lernens ohne Zwang und ohne Einschränkung.
Findet das Kind diese Bedingungen nicht vor, weil es zum Beispiel dadurch abgelenkt wird, dass die Bezugsperson nicht mehr in Reichweite ist oder aber weil es ständig durch Ansprache und unnötiges Loben und Ermuntern aus seiner Konzentration heraus gerissen wird, fällt der Lernprozess schwerer. Sind die Gegebenheiten äußerst ungünstig oder wird das Kind zu sehr in seinem autonomen Prozess gestört, kann die sensible Phase verstreichen, ohne dass das Lernziel erreicht wurde.

Diese spezielle Fertigkeit kann vermutlich nie wieder mit einer derartigen Leichtigkeit und Freude erlernt werden wie in der sensiblen Phase, sondern muss bei Bedarf unter viel Mühen und Fleiß im späteren Leben nachgeholt werden.

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Manchmal erscheint mir das Wissen um die sensiblen Phasen ein wenig wie eine Bürde. Als Mutter möchte ich meinem Kind natürlich den bestmöglichen Start in Sachen Lernen und Üben mitgeben. Die Arbeit des Kindes zu deuten und die richtigen Anregungen anzubieten, fällt mir nicht immer leicht. An dieser Stelle versuche ich aber auch nachsichtig mit mir selbst zu sein, wenn ich nicht immer hunderprozentig verstehe, was mein Kind eigentlich gerade lernen will. Wenn ich dann aber richtig beobachtet und tatsächlich erkannt habe, was ihn aktuell fasziniert und fesselt, dann ist es mir eine riesige Freude, diese Arbeit zu unterstützen und die Umgebung für ihn entsprechend vorzubereiten.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann es begonnen hat: Schon mehrere Monate lang war G höchst konzentriert und voller Aufmerksamkeit, wenn wir Dinge für ihn kreiseln ließen. Das waren zunächst normale Kreisel, später dann auch die Holzscheiben von seinem Steckturm und irgendwann machten wir uns einen Spaß daraus auszuprobieren, welche Gegenstände sich überhaupt noch gut drehen ließen und welche nicht.

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Nachdem er also einige Monate lang nur beobachtet hatte, griff er irgendwann immer öfter selbst nach den Objekten. Bald fing er an, das Handgelenk leicht zu rotieren. Dies war anfangs für uns das Signal, dass wir wieder vormachen und die Scheiben und Deckel kreiseln sollten.
Und eines Tages versuchte er es zum ersten Mal selbst. Zaghaft und unbeholfen begann die kleine Fast-noch-Baby-Hand mit den runden Dingen zu hantieren. Und dann wurde es irgendwie zum Selbstläufer.
Immer öfter wurden die Gegenstände aufgesucht. Immer mehr runde, scheibenförmige Gegenstände wurden plötzlich überall entdeckt – sei es ein Marmeladendeckel am Küchentisch, ein Untersetzer, eine CD-Spindel. Die ganze Welt schien nur noch aus Kreisen und Scheiben zu bestehen. Alles, alles wurde zunächst auf seine Drehbarkeit untersucht. Damit verbrachte G einen beträchtlichen Teil seiner wachen Zeit.

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Wie oben beschrieben, gab ich mir große Mühe, seine Konzentration zu fördern. Ich setzte mich mit einer Tasse Tee zu ihm auf den Boden oder war einfach an seiner Seite, wenn er seiner Lieblingsbeschäftigung nachging.

Er konnte sich immer länger mit dieser einen Sache beschäftigen und wurde nicht müde, zu üben, üben, üben. Ich war wirklich erstaunt, wie lange (wochenlang) er sich mit dieser einen Tätigkeit befassen konnte und auch wie geschickt er mit der Zeit wurde. Irgendwann baute ich ihm eine richtige kleine Arbeitsstation auf dem Wohnzimmertisch auf: Ein Tablett, später dann ein Körbchen mit runden Gegenständen, dazu eine Spiegelplatte und eine verstellbare Lampe.

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G nahm die Anregung sofort lebhaft auf und verbrachte die nächsten Tage fast ausschließlich an seiner Kreisel-Station. Die Spiegeleffekte und besonders die Schattenspiele an Wänden und Decke sorgten bei uns allen für Staunen und Begeisterung. Auch außerhalb unserer Wohnung, suchte er sich jede Gelegenheit, um das Drehen zu üben und zu perfektionieren. Ich kann nur erahnen, wieviel Geschick, Feinmotorik und Koordination er sich durch diese Arbeit angeeignet hat. Beim Aufschrauben von Tuben und Tetrapacks oder beim Schließen mit Schlüsseln habe ich parallel zu seinem Kreiselwahn jedenfalls extrem große Fortschritte beobachten können.

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Es dauerte dann noch mal etwa einen Monat, bis dieses Thema vollends abgearbeitet war. G übte sich in den verschiedensten Dingen, liebte vor allem große Objekte wie Hulahoop-Reifen und Holztabletts. Er probierte eine kurze Zeit lang an eckigen Gegenständen herum, merkte aber recht schnell, dass die sich nicht so toll drehen ließen. Dann kam noch eine kurze Episode von Drehversuchen auf verschiedenen Ebenen (Boden – Stuhl – Tisch) und dann ließ der ganze Aktionismus langsam aber sicher wieder nach und die nächste sensible Phase brach an. Was das war, erzähle ich euch gerne ein anderes Mal.

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Wie ist das bei euren Kindern? Welche Momente sind euch in Erinnerung geblieben und wie habt ihr sie begleitet?

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