Die Perfektionismusfalle und mein Mental Load

Eine alte Bekannte ist zurück in mein Leben gekehrt. Ich habe sie nicht bewusst eingeladen, sie stand einfach irgendwann vor meiner Tür: meine ewige To-Do-Liste. Früher dachte ich, Listen seien etwas durch und durch Gutes. Freundliche Begleiter, die mir helfen, das Alltags-Chaos überschaubar zu machen und in kleine, gut verdauliche Portionen zu zerteilen.

Ohne Tabellen, Agendas, Kalenderplanung fühlte ich mich früher, in meinem Leben als Hebamme, aber auch als Vollzeitmama in Berlin nackt und den Wogen der Verpflichtungen hilflos ausgeliefert. Seit ich fast ein ganzes Jahr ohne derartige Listen und Planungen ausgekommen bin, empfinde ich sie neuerdings aber gar nicht mehr als so freundlich.

Im Gegenteil: Seit ich wieder angefangen habe, mir Listen über notwendige Erledigungen, Anschaffungen und dergleichen zu führen, scheint auch mein Stresspegel sich parallel dazu mehr und mehr nach oben zu schrauben. Aber liegt das nun daran, dass ich wieder an viel mehr Dinge denken muss möchte, oder ist es viel eher mein eigener Anspruch, alle Punkte auf den Listen zeitnah abzuarbeiten, der mir plötzlich wieder zusetzt?

Mein Liebster und ich sind da ja zum Glück doch sehr unterschiedlich gestrickt. Wir stressen uns fast nie zur selben Zeit oder über dieselben Belange. Das heißt, während er sich über Probleme den Kopf zerbricht, die für mich gar keine Probleme sind, und eher so ein allgemeines Druckpaket als Hauptversorger unserer Familie auf seinen Schultern trägt, steckt für mich der Teufel im Detail des Alltags versteckt.

Gut ist immerhin, dass einer den anderen meistens irgendwie emotional wieder abholen und ausgleichen kann. Das könnte wahrscheinlich schwierig werden, wenn uns immer die gleichen Dinge unter Strom setzen würden. Aber jetzt gerade hat er sein Paket gut geschultert, denn die großen Anschaffungen, die wir brauchten sind erledigt und er steht auch wieder in Lohn und Brot. Die große Existenzsorge ist aus seinem Kopf erst mal verschwunden, das merke ich ihm an und bin sehr froh darüber.

Ich dagegen beginne jetzt erst langsam zu spüren, wie ich mir selber Druck mache, meinen Teil der Aufgaben in unserer kleinen Familie (natürlich optimal – darunter geht bei mir irgendwie nix) zu erfüllen.

Da sind die tausend kleinen Dinge, an die ich denken und die ich dann von meiner Liste streichen will. Hat das Kind genug und die richtige Kleidung im Schrank? Sind die Zutaten für meine Kochplanung im Haus? Wann muss ich den nächsten Vorsorgetermin ausmachen? Was bringe ich der Nachbarin als Dankeschön vorbei? Ist schon wieder eine Wäsche fällig oder reichen meine Unterhosen noch bis übermorgen? Und nebenbei will ich natürlich auch noch die letzten Umzugskisten wegschmelzen sehen, das passiert nur leider nicht von alleine. Und die Wohnung soll auch endlich eine gewisse Grundordnung finden und halten können etc. etc.

Das Paradoxe ist ja, ich WEISS, dass die Welt überhaupt nicht untergeht, wenn ich diese oder jene Erledigung verschiebe oder sogar komplett auslasse. Aber in mir schreit immer das Stimmchen, dass alles perfekt erledigt sein soll. Manchmal wünschte ich, ich könnte es da in den ganzen blöden Alltagsdingen meinem Liebsten ein bisschen nachmachen.

Er ist meist tiefenentspannt und improvisiert ganz wunderbar, wenn irgendwas nicht optimal vorgeplant ist. Er packt sich seinen Alltagsanspruchteller einfach von vornherein nicht so voll wie ich und ich glaube, es wäre für mich viel gesünder, das auch nicht zu tun. Da die goldene Mitte zu finden und die Prioritäten richtig zu setzen, wären wirklich erstrebenswert.

Vielleicht muss ich der Frage auch noch tiefer auf den Grund gehen, WARUM ich mich so schnell so doll stressen lasse. Sind es Glaubenssätze in mir, die meinen Selbstwert nur über Leistung und Perfektion erlebbar machen? Ist es eine gesellschaftliche (unausgesprochene?) Erwartungshaltung, die ich mich zu erfüllen gezwungen sehe? Geht es mir um Anerkennung, um das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun?

Beim Suchen nach den Antworten auf diese Fragen kann ich mich vielleicht ein bisschen besser selbst erkennen. Aber währenddessen treibt mich bei all der Selbstreflexion noch ein zweiter, deutlich praktischerer Aspekt um: Denn ich stoße mal wieder auf den Kern meiner Sehnsucht nach Gemeinschaft, diese Ahnung, dass Hand in Hand so vieles so viel leichter gehen könnte.

Einer übernimmt mal das Kochen für alle, der nächste holt alle Schul- und Kindergartenkinder in einer Tour mit dem 9-Sitzer  ab. Wieder ein anderer pflegt den Kleiderfundus oder nimmt alle Päckchen mit zur Post, wenn er eh in die Stadt fährt. Im gemeinsam geführten Warenlager liegen immer genug Nudeln und Reis bereit, weil die Großbestellung entspannt durch jeden mal im Wechsel statt findet. Unser Kinderarzt, der gleichzeitig ein guter Freund ist, hat alle wichtigen Termine der Gemeinschaftskinder auf dem Schirm und sagt mir beim gemeinsamen Frühstück, ich solle mit G nachher mal zu ihm in die Praxis kommen, da die nächste U-Untersuchung dran ist. Vom Bastelnachmittag ist noch ganz viel selbst gemachtes Papier übrig, daraus kann ich eine schöne Geburtstagskarte basteln und mit Brotbacken für alle bin ich diese Woche dran…

Gemeinsame Organisation und gegenseitige Unterstützung könnte doch sicher in so vielen Bereichen wahre Synergie-Effekte mit sich bringen, die den Mental Load für jeden einzelnen ein kleines Bisschen runter schrauben würden.

Also ich denke jetzt mal über ein kleines Listenfasten nach, esse dabei ohne irgendeinen Zeitdruck mein Haferporridge und freue mich, dass in Sachen Gemeinschaftsbildung gerade doch wieder ein zarter Hoffnungsschimmer in meinem Leben aufgetaucht ist.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

*