Wertschätzung durch Entbehrung

Mein Selbstexperiment der letzten zwei Monate hat mich mal wieder einmal mehr über den Zusammenhang zwischen Entbehrung und Wertschätzung nachdenken lassen. Die erste Haarwäsche nach fast acht Wochen war einfach ein unbeschreibliches Hochgefühl.

Mir die Haare zu waschen war doch jahrzentelang eine völlig unspektakuläre Angelegenheit, eine Selbstverständlichkeit. Und nun lag ich deswegen früh morgens hibbelig im Bett, bis ich endlich loslegen konnte und verbrachte danach die Hälfte des Tages damit, mir durch das Haar zu fahren, weil es ein solcher Genuss ist. Wie kann das sein?

Das Bedürfnis nach Achtung und Wertschätzung für meine Umgebung und alltägliche Dinge wie z.B. die Möglichkeit zur Körperhygiene kann in unserer Welt des Überflusses kaum im gesunden Maß addressiert werden.

Das ständige Überangebot von allem, die Selbstverständlichkeit, mit der ich jederzeit uneingeschränkten Zugriff auf fließendes Wasser und Kosmetika habe, stumpft meine Wahrnehmung und Wertschätzung ab und macht mich unachtsam für den Luxus vor meiner Nase.

Brigitte Hannig erläutert zu dieser Thematik in ihrem überarbeiteten Heft “Bedarf und Bedürfnisse” die Maslow´schen Erkenntnisse zur übermäßigen Beantwortung der Bedürfnisse:

“So kann eine der möglichen Folgen der (Über-)Befriedigung grundlegender Bedürfnisse Langeweile, Ziellosigkeit, Anomie und ähnliches sein. Maslow weist immer wieder darauf hin, dass dies eine pathologische Entwicklung ist, die aber in den meisten Fällen sehr leicht zu beseitigen ist, einfach durch die Erfahrung der Entbehrung.”

Ähnliches kann ich über mein Verhältnis zum Essen beschreiben. Dieses ständige Zuviel des Guten, das ist kein Zustand, in welchem ich das gesunde Streben nach (innerlichem) Wachstum spüren kann. Im Gegenteil, am Ende werde ich sogar unzufrieden und nörgelig, wenn der sonst immer verfügbare Komfort einmal nicht vorherrscht.

Und diese Erwartungshaltung beobachte ich teilweise auch schon bei meinem Kind. Nach einer Woche, in der es ausschließlich Brötchen und Toast zum Frühstück gab, kam es bei den Großeltern zu einem heftigen Wutanfall des Jungen und das angebotene, (gute) Brot landete mit einem schwungvollen Wurf auf dem Boden. Ein Alarmsignal für mich, das Angebot für ihn wieder etwas achtsamer zu regulieren.

In o.g. Broschüre heißt es dann auch passenderweise:

“[…] kann dieser Überfluss auch eine Abwertung der angebotenen Nahrung hervorrufen. Das Kind weiß die guten Gaben nicht mehr zur schätzen, es nörgelt am Essen herum – es mag dies nicht und es mag das nicht. Es entwickelt eine geringschätzige Grundeinstellung, die sich im Laufe der Zeit auch auf andere Situationen und sogar auf seine Mitmenschen übertragen kann.

[…] Erziehende können also dadurch, dass sie dem Kind all die guten Gaben im Überfluss zukommen lassen, genau die Eigenschaften in ihm fördern, die ihm für seine weitere Entwicklung als freie, soziale und sich selbst verwirklichende Persönlichkeit im Wege stehen.”

Ein wenig (selbst auferlegter) Verzicht eröffnet mir in diesem Zusammenhang tatsächlich wieder einen neuen Zugang in Bezug auf die eigene Dankbarkeit.

Und heißt es nicht, ein dankbarer Mensch ist ein glücklicher Mensch?

Loading

Schreibe einen Kommentar

*