Eingewöhnung? Fehlanzeige. Ein Besuch im spanischen Kindergarten

Oh. Mein. Gott. Ich habe den Kulturschock meines Lebens erhalten. Und mein Lütter gleich mit, glaube ich. Es fing alles so harmlos an: Unser Herbergsvater schlug an einem Tag kurz nach Sylvester vor, dass wir doch mal Kontakt zum hiesigen Kindergarten aufnehmen könnten.

Ein anderes deutsches Kind wäre da vor einiger Zeit mal ein paar Monate hingegangen, das sollte also formal gesehen kein Problem sein.

Ich habe ein paar Tage darüber nachgedacht und fand es eigentlich eine ganz gute Idee, wenn G endlich mal wieder ein paar Kinder um sich hätte. Jedesmal, wenn Gleichaltrige ins Spiel kommen, blüht er förmlich auf. Immer nur mit so bierernsten Erwachsenen rumzuhängen ist bestimmt ziemlich langweilig für ihn, könnte ich mir vorstellen.

Unsere Freundin hier vor Ort war dann auch so lieb und hat einen Termin für uns ausgemacht und kam auch direkt zum dolmetschen mit.

Ich weiß nicht, ob ich zu sehr im  *mal abwarten / auf uns zukommen lassen / wird sich alles finden* Reisemodus lief.  Jedenfalls habe ich im Vorfeld nicht allzu viele Fragen gestellt. Es lag wahrscheinlich auch zu weit außerhalb meiner Vorstellungskraft, den heutigen Nachmittag auch nur ansatzweise vorher zu sehen.

Das wichtigste schon mal in Kürze vorweg: Sowas wie Eingewöhnung gibt es in Spanien nicht. Vermutlich gibt es dafür nicht mal eine Übersetzung.

Und ich werde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als die klammernde Oberglucke aus Deutschland in die Annalen der Pädagogenrunde Cerveras eingehen.

Wenn ich irgendwas erwartet habe, dann wahrscheinlich am ehesten so was wie ein freundliches erstes Treffen mit vorsichtigem gegenseitigen Beschnuppern und im besten Fall eine darauf folgende Verabredung für einen weiteren Besuch. Eine handfeste Fremdbetreuung suchte ich überhaupt nicht, mehr so ‘ne Art unverbindliche Spielgelegenheit für G.

Was ich absolut nicht erwartet habe, war das sofortige verbale und körperliche Losstürmen der Erzieherin auf mein Kind, nahtlos gefolgt durch das wortreiche (natürlich auf spanisch) Vorstellen sämtlicher anwesender Kinder und die knallharte Ansage nach kaum fünf Minuten Anwesenheit,  dass Mütter überhaupt nicht im Haus anwesend bleiben dürfen. Gar nicht. Also nie.

Mein Junge zeigte von Minute eins deutliche Anzeichen von a) Überforderung b) Unwohlsein c) Angst und d) Fluchttendenzen zerrend an meiner Hand.

Ich kämpfte tapfer die aufkeimende Panik hinunter, und aktivierte die sanfte aber bestimmte Löwenmutter in mir. Das klappte auch ganz gut.

Über der kritischen Frage als Reaktion auf mein schnelles Zurückrudern von einem möglichen Arrangement, ob es für G nicht geht oder für mich, stand ich wirklich drüber. Nach unserer ausführlichen (6 Wochen!), gut begleiteten Eingewöhnung im Kinderladen damals weiß ich ganz genau, an welchem Punkt des Erziehungsspektrums ich stehe. Bindungsorientiert. Bedürfnisorientiert. Klare Sache.

Kind abgeben gegen seinen Willen, ohne individuell angepasste Eingewöhnung und klare Anzeichen für einen gelungenen Beziehungs- und Bindungsaufbau mit den Betreuenden ist für mich als Mutter ein dickes fettes No Go!

Klar funktioniert das auch anders. Wissen wir. Kinder resignieren, passen sich an,  fressen den Stress nach innen hinein, wenn sie keine andere Wahl haben. Die seelischen Traumata, die das hinterlässt, das zerstörte Vertrauen, das werde ich unserem Kind niemals antun.

Soviel steht fest.

Was nicht heißt, dass G nicht irgendwann wieder in eine Fremdbetreuung gehen muss, wenn es unsere wirtschaftliche Lage erfordert. Oder in die Schule, weil wir dann vielleicht in einem Setting leben, in dem wir da nicht drum herum kommen. Das wird möglicherweise nicht das Optimum sein, aber es wird dann tragbar, aushaltbar, zu bewältigen sein. Dafür werde ich sorgen.

Doch ganz bestimmt nicht so. Nicht unter derartigen Zwangsmaßnahmen, nicht mit Gewalt. Für deine Unversehrtheit werde ich immer kämpfen. Das verspreche ich dir, mein Sohn.

Schlaf jetzt gut und vergiss den heutigen Tag am besten ganz schnell wieder. Oder nein, halt! Merke dir in deinem kleinen, pochenden Herzen,  dass ich dich heute nicht allein da gelassen habe und ohne dich gegangen bin. Vertraue auf meine Worte, dass ich dich nicht verlasse, wenn ich nicht ganz sicher bin, dass es dir gut gehen wird. Denn wenn dem so ist, dann kann ich dich loslassen, will es sogar mit ganzer Kraft. Ich wünsche dir viele tolle Erfahrungen und Erlebnisse, auch und gerade ohne mich. Wenn du soweit bist. Wenn andere, liebevolle Hände dich beschützen, wenn ich weiß, dass du Halt findest, falls du ihn brauchst.

PS: Kleiner Nachtrag:

Letzte Woche hat es sich ganz organisch und von G selbstbestimmt ergeben,  dass er mit besagter Freundin eine gute Stunde allein unterwegs war. Auch mit vielen anderen Personen, die länger hier vor Ort waren und eine Beziehung zu ihm aufgebaut haben, hat G von sich aus größere Zeitspannen ohne uns verbracht. Es ist alles nur eine Frage des Wie.

Wie wollen wir mit den uns anvertrauten Schützlingen umgehen?

Links:

Bindungstypen und Eingewöhnung (Terrorpüppi)

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