Elterliche Führung mit Hilfe der Biologie

Die kleine Dame wächst und wächst. Nach einem etwas skeptisch anmutenden ersten Breikontakt hat sie sich in den letzten Wochen zu einer fröhlichen Esserin gemausert. So weit so gut. Aber was hat das jetzt mit elterlicher Führung zu tun und wer ist eigentlich Rita Messmer?

Auf Frau Messmers Bücher bin ich letztes Jahr im Blog von Uta Allgaier gestoßen. Was Uta darüber schrieb, hat mich schnell neugierig gemacht und booklooker sei Dank, konnte ich eins der Bücher Second Hand kriegen. Das neueste Buch von ihr habe ich mir dann aber auch noch gekauft.

Ritas Werdegang ist schon äußerst spannend zu lesen, aber noch interessanter sind ihre Erkenntnisse aus jahrelanger Begleitung der von ihr therapierten Kinder und Familien. Sie war übrigens auch die Pionierin in Sachen Abhalten hier im deutschsprachigen Raum, quasi die Urmutter von Windelfrei.

Vieles von dem, was sie schreibt, löste in mir sehr widersprüchliche Gefühle aus. Denn mit ihrem an der Biologie und dem genetischen Fahrplan der Kindesentwicklung orientierten Ansatz setzt sie einen starken Gegenpol zum heutigen, auch bei mir selbst sehr verinnerlichten Verständnis von respektvollem Umgang mit den Kleinsten. Welcher nach ihrer Meinung zu sehr psychologisiert und die Kinder wie kleine Erwachsene behandelt. Mit vielen daraus resultierenden Schwierigkeiten.

Ihr Grundtenor überzeugte mich aber doch: dass Kinder niemals Schuld sind an Problemen in der Eltern-Kind-Beziehung. Dass eine klare respektvolle Führung durch die Eltern das A und O ist für glückliche Kinder und ein entspanntes Familienleben. Dass Kinder immer kooperieren. Und wenn sie es nicht tun, liegt der Grund bei uns Eltern und in unseren Signalen, die wir den Kindern geben oder eben in unserem Falle allzu oft nicht geben.

Eine Schlüsselposition bei der Führung durch biologische Signale hat die nonverbale Kommunikation, welche ich ja früher schon von Brigitte Hannig für meinen grundsätzlichen Umgang mit (kleinen) Kindern übernommen hatte. Allerdings ist der größte Unterschied oder das Neue bei Frau Messmer, dass unsere Zuwendung bzw. Aufmerksamkeit, die wir bewusst einsetzen, das Hauptwerkzeug darstellt, um Babies in ihrem Verhalten zu lenken.

So hat die Biologie es vorgesehen, dass Babies und Kleinstkinder erwarten, dass ihre Eltern ihnen durch Zuwenden oder Abwenden signalisieren, ob ihr Verhalten in Ordnung ist oder nicht. Und genau diesen Ansatz möchte ich jetzt mit unserer Kleinen einfach mal ausprobieren, weil es doch verlockend klingt, ein einfaches, energiesparendes Tool zu haben, um unser Miteinander reibungsarm zu gestalten.

Gesagt, getan. Klein-M ist nun etwas mehr als 7 Monate alt und tatsächlich beginnt sie so langsam immer mehr, die Welt erforschen und begreifen zu wollen. Da kommt der Aspekt immer mehr zum Tragen, dass sie Dinge tut oder zu tun versucht, die sie nicht tun soll. Also beginnt unser Sozioexperiment „Elterliche Führung durch biologische Signale“.

Das fängt bei so Dingen an, dass ich nicht möchte, dass M nach meiner heißen Teetasse greift, wenn sie auf meinem Arm oder Schoß ist. Geht weiter, dass sie das abgerupfte Gras nicht in den Mund stecken soll, weil ich nicht sicher sein kann, welche Pflanzen sie da gerade genau erwischt hat oder dass sie sich nicht an kleinen Stöckchen verschluckt. Und am Esstisch gab es nun auch eine wunderbare Gelegenheit, eine ungünstige Angewohnheit im Keim zu ersticken: das wilde Pusten mit breivollem Mund. Und das lief so ab:

Vor ein paar Tagen fing die Kleine aus heiterem Himmel beim Breifüttern damit an, mit vollem Mund wie wild zu pusten und damit den Brei überall weitgestreut auf ihr und mir zu verteilen. Ich war so überrascht, fand es im ersten Moment auch furchtbar niedlich, deswegen habe ich leider durch meine Reaktion (Lachen, Aufmerksamkeit) das Verhalten auch noch positiv verstärkt. Hinterher sahen wir entsprechend aus und ich dachte bei mir: „Oh nee Stop! DAS soll aber auf keinen Fall zur Gewohnheit werden“. Also wollte ich jetzt umso konsequenter sein, um meine erste, unkontrollierte Reaktion wieder wett zu machen.

Am nächsten Morgen war ich innerlich darauf eingestellt, beim Pusten Ritas Methode anzuwenden. Ich habe Klein-M also sogleich beim ersten Ansatz, wie im Buch beschrieben, einfach neben mir auf den Boden abgelegt und mich abgewendet. Sie fing erwartungsgemäß an zu weinen, als Verarbeitungsprozess ihres sozialen Nervensystems. Zweimal musste ich dies machen, jeweils ein paar Minuten abwarten bis der Protest weniger wurde und die Kleine sich selbst beruhigt hatte. Danach nahm ich sie wieder auf den Schoß und konnte sie völlig problemlos zu Ende füttern. Erstaunlich!

Bei der nächsten Mahlzeit passierte folgendes: Klein-M pustete SOFORT beim ersten Löffel kräftig drauf los! Es kam mir so vor, als müsste sie überprüfen, ob sie das Signal richtig verstanden hätte. Ich legte sie also wieder ab (sehr wichtig dabei: entspannt sein, ohne jegliche negative Emotion) und erntete lautstarken Protest. Das Ganze wiederholte sich noch ein weiteres Mal und danach konnte ich sie ohne Zwischenfall füttern. Sie war allerdings während dieser Mahlzeit etwas unzufrieden von der ganzen Aktion, aber wollte trotzdem essen und danach war sie auch wieder ausgeglichen.


Beim nächsten Mal gab es gar kein Pusten mehr, die ganze Zeit. Als ich dann irgendwann den Eindruck hatte, sie wäre satt, ihr aber doch noch einmal den Löffel anbot, pustete sie ganz leicht dagegen. Und war im Gegensatz zu sonst gar nicht meckerig beim Abwischen (das mag sie eigentlich nicht so richtig gerne). Ich war optimistisch und wartete gespannt auf die nächten Versuche.

Jetzt, einige Tage später, würde ich behaupten: Es hat wirklich funktioniert!!! Brei durch die Gegend pusten beim Essen ist nun kein Thema mehr. Ein einziges Mal noch ist es gestern Mittag passiert, aber ich glaube das war eher aus Versehen. Sie hat da auch überhaupt nicht geweint beim Ablegen, als wäre ihr völlig klar, warum sie unten landet und dass es gleich wieder weiter geht. Ging es dann auch ohne Probleme.

Also ich bin fasziniert, experimentiere auch in den anderen Bereichen weiter mit dem für mich neuen und nicht direkt intuitiven Vorgehen und bin sehr gespannt, wie es sich entwickeln und auswirken wird.

Hat denn von euch auch schon jemand Erfahrungen mit dieser Methode gemacht und möchte berichten?

Ein Kommentar bei „Elterliche Führung mit Hilfe der Biologie“

  1. Erfahrung mit dieser Methode hab ich nicht. Klingt aber durchaus spannend. Bin gespannt, was du in ein paar Monaten berichtest 🙂

    Motte hat auch so ihre Angewohnheiten. Wir sagen einfach laut Nein. Die neuste Errungenschaft ist Essen auf den Boden werfen und dabei uns ansehen (also eher nicht Schwerkraft testen, sondern unsere Reaktion, behaupte ich mal intuitiv). Das ging jetzt gut 2 Wochen.

    Wir haben immer wieder laut Nein gesagt und ihr dann gezeigt, dass sie das Essen auf den Teller legen soll/das Besteck uns geben, wenn sie nicht mehr möchte. Und seit 3 Tagen ist Werfen kein Problem mehr 🤷‍♀️ Sie legt das Essen neben ihren Teller (ist für mich ok 😅), wenn sie nicht mehr mag oder es ihr nicht schmeckt. Gabel reicht sie uns an.

    Natürlich fällt trotzdem genug, aber es ist nicht mehr dieses bewusste Schmeißen und uns anschauen dabei 🙂

    Also vielleicht macht man manche Dinge auch ganz intuitiv „richtig“.

    Beim Katzenfutter hatten wir übrigens schon mal eine Phase, wo sie ständig dran ist. Dann hat sie es begriffen und blieb jetzt Monate von fern. Plötzlich geht sie wieder dran und hört auch auf kein Nein, wir müssen sie aktiv weg setzen, mehrfach. Keine Ahnung, was das plötzlich wieder soll 😂 also anscheinend werden manche Regeln immer wieder überprüft 😂

    Ich hoffe, dass das bald wieder nach lässt. 🙂

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