Kopfcorona: das Trauma sickert ein

Spannender Prozess, in dem ich hier stecke, wirklich wahr. Ich weiß schon fast nicht mehr, welcher Wochentag heute ist oder in der wievielten Woche Ausnahmezustand wir uns eigentlich befinden.

Zu Anfang war noch viel Energie und Zuversicht vorhanden und ich war fest entschlossen, der Krise nicht mit Angst sondern mit Liebe zu begegnen. Das ging auch eine ganze Weile gut, aber irgendwann fing die soziale Isolation doch an, mich Stück für Stück zu zermürben.

Mein Hirn registrierte immer stärker:

Gefahr! Du bist nicht mehr sicher! Fremde Menschen und Institutionen bestimmen über dich und deinen Körper! Und das ohne fundierte Fakten oder gültige Rechtsgrundlage!

Mein Hirn schaltete so langsam von grün, auf gelb um. Ich wurde reizbarer, hatte ein paar schwierige Tage. Und nach dem kurzzeitigen Gefühl, jetzt kriege ich es wieder in den Griff, war ich plötzlich auf dem roten Pfad. Also Sympathikus aktiv – fight or flight!!!

Fliehen geht nicht, wo soll man denn auch hin in diesen Tagen? Und wie soll man dem Polizeistaat entkommen? Die Präsenz der Streifen tut auch ihre Wirkung. Spielen auf dem Spielplatz eine Straftat? Alle Freunde und Bekannte verschwunden… Mein Telefon ab sofort nicht mehr mit raus zu nehmen, war der verzweifelte Versuch, vor der Gewalt in Staatsform zu flüchten. Ziemlich ineffektiv alles in allem. Ich halte trotzdem an diesem Strohhalm fest.

Wer nicht fliehen kann, kommt also in den Kampfmodus. Bei mir setzte der in Form von wildem Recherchieren ein. Der Feind: WHO, RKI und alle Verdächtigen, die sich mit diesen zum Schulterschluss aufstellen.

Ich versuchte mit Informationssammeln des Gegenpols meine Nerven zu beruhigen. Nein, ich bin nicht verrückt. Nein, vielen anderen geht es genauso! Aber dann kam schnell die Angst zurück. Diese Menschen bekommen so harten Gegenwind, werden medial hingerichtet und aus dem Verkehr gezogen und sogar verklagt. Und in meinem unmittelbaren Kreis bekam ich auch nur Unverständnis und das Gefühl ich wäre im Verschwörungstheoriechannel gefangen.

Der Kampf half auch nicht, schon gar nicht ohne persönlichen Kontakt zu Gleichdenkenden, hier in meiner Isolation mit dem zahnenden Klebebaby und dem mäßig regulierten Vorschulkind , das seine Freunde schmerzlich vermisst.

Heute früh um halb fünf bäumte sich die Kämpferin in mir noch ein letztes Mal auf und ich wollte dem Pol der Panikdemie-Gegner noch intensiver beitreten… Aber dahinter, da lauerte es schon, das letzte Stadium der Gefahrenabwehr, welches unser Reptilienhirn zur Verfügung hat.

Tot stellen.

Dissoziation.

Aufgegeben. Am Boden. In Erwartung des Raubtieres, das mich holt.

Da bin ich jetzt. Die Tränen laufen. Die Hände sind kaltschweißig, die Brust ist eng und das Trauma hat mich erwischt mit voller Wucht.

Ich nenne diesen Zustand: Kopfcorona.

Schreibe einen Kommentar

*