Guter Wolf, böser Wolf

Die Woche neigt sich dem Ende und ich freue mich sehr darauf, dass der Liebste und ich endlich wieder etwas Zeit miteinander verbringen können. So allein mit den beiden Knirpsen durch die Woche zu kommen, ist doch etwas anstrengend ohne Kindergarten und Kontakte zu anderen Kindern. Und die Ansteckungsgefahr ist für T im Krankenhaus auch nicht zu unterschätzen, das arbeitet natürlich in mir.

Um mich herum höre ich hier und da von unfreundlichen Kommentaren im Supermarkt, von Hamsterkäufen und Corona-Parties. Von Menschen, die in der Krise eher ihre egoistischen Schattenseiten ausleben, anstatt die Chance für ein anderes Miteinander zu erkennen. Ich dagegen spüre gerade so viel mehr Achtsamkeit für jeden einzelnen Menschen, dem ich auf der Straße oder im Laden begegne. Wo ist sein Tanzbereich ? Wo meiner? Wer gehört zur besonders gefährdeten Gruppe?

Auch G hat langsam begriffen, worauf es beim social distancing ankommt. Natürlich fragt er trotzdem regelmäßig, ob wir nicht diesen oder jenen Freund einladen oder besuchen können. Es ist echt hart, ihm da keine richtige Antwort geben zu können, wann das überhaupt wieder möglich sein wird. Hoffentlich bald, ist alles, was mir dazu einfällt.

Klopapier gibt es immer noch keins. Bald geht auch unser Paket zur Neige. Unsere Chance, die Benutzung von Klopapier als solches in Frage zu stellen? In anderen Ländern kommen sie doch auch sehr gut ohne zurecht? Wird auf jeden Fall ein Schritt in Richtung enkeltauglicher leben, wenn wir zum Kännchen und Lappen wechseln… Ich denke gerade viel darüber nach, was wir so für selbstverständlich halten und auf welchen Luxus wir nun lernen, zu verzichten.

Ich freute mich über die Nachricht, dass die Bodenseebauern mit Freiwilligen aus allen Schichten und Altersgruppen den Helfermangel aus den Oststaaten kompensieren können. Ist das vielleicht die Zukunft unserer Gesellschaft, dass essentielle Bedürfnisse endlich wieder im Fokus stehen werden, nachdem so viele unnötige Läden, Unternehmen und Einrichtungen dicht gemacht haben werden?

Ein Netzwerk nach dem anderen bildet sich um bestimmte, lebenswichtige Bereiche wie die Landwirtschaft zu unterstützen oder einfach den gefährdeten bzw. isolierten Mitmenschen mit Solidarität zur Seite zu stehen. Auch bei uns am Ort wird Hilfe angeboten und angenommen.

Besteht jetzt in dieser Wandlungsphase etwa die ernsthafte Möglichkeit, komplett vom kranken Geldsystem wegzukommen? Haben neue (lokale) Währungen und Tauschringe jetzt ihre Chance?!

Und was tue ich in dieser verrückten Situation?

Ich kann leider nicht so viel Konkretes tun derzeit. Ich huste immer noch, die Kinder sind auch noch verrotzt. Da bleibt nur viel drinnen bleiben, beim täglichen Spaziergang gut Abstand halten und erstmal Abwarten.

Trotzdem denke ich ständig darüber nach, wie es weiter geht. Was die Welt braucht, wie wir diese Krise zur Chance wandeln können? Wie diejenigen, die die Krankheitswelle gesund überstehen, ihr Leben verändern, ihre Prioritäten neu setzen können? Wie entsteht Hoffnung auf einen Neuanfang in den Köpfen und Herzen der Leute? Woher kommen Mut und Inspiration, neue Wege zu gehen?

Vielleicht zaubern meine Bürgersteignachrichten hier und da ein Lächeln ins besorgte Gesicht. Vielleicht regen sie jemanden zum Nachdenken an. Vielleicht sind sie ein winzig kleiner Baustein von vielen, um den Wandel herbei zu führen, die Transformation anzustoßen, die wir alle so dringend brauchen.

Corona zwingt uns zum Innehalten, zum Stillstand, zum Minimalismus auf allen Ebenen. Wir spüren, wie ein verantwortungsvoller Lebensstil sich anfühlen könnte. Was enkeltauglich leben bedeutet. Weniger Reisen, Fliegen, Autofahren. Weniger Party, Ausgehen, Shoppen. Weniger extravagant essen, trinken, konsumieren insgesamt.

Wie wäre das, wenn Autohersteller und Fluggesellschaften einfach von der Bildfläche verschwinden würden, weil keiner sie mehr in dem Umfang nutzen kann und will?

Zusätzlich zum eingeschränkten Konsum fehlen natürlich die sozialen Kontakte, werden wir so ganz und gar auf uns selbst zurück geworfen. Haben plötzlich Zeit* für Meditation, Achtsamkeitsübungen, Selbstreflexion. Ich beginne wieder damit, diese Dinge mehr in mein Leben zu lassen und spüre zugleich, dass sie genau das sind, was fehlt und heilsam ist.

Werden wir die Nähe zu unseren Freunden und Verwandten genug wert schätzen, wenn sie wieder erlaubt sein wird? Das Geschenk in unseren sozialen Bindungen erkennen, welche wichtiger sind als alle Konsumgüter der Welt? Wird die Dankbarkeit darüber, die Liebsten wieder nahe heran kommen lassen zu können, ausreichend sein, die Bescheidenheit und Demut weiter zu nähren, zu denen Corona uns jetzt zwingt?

*Für die Menschen im Gesundheitssystem gilt das natürlich ganz und gar nicht. Sie haben mein vollstes Mitgefühl in dieser schweren Zeit…

Schreibe einen Kommentar

*