Agentin des Wandels

Am Wochenende hieß es bei uns „Gemeinschaftstreffen statt Wahllokal“. Warum? Weil ich kein kleines Rädchen mehr in einem morbiden System sein möchte, das die krankmachende Maschinerie stützt und aufrecht erhält. Lieber bin ich auf eine für mich Sinn gebende Weise aktiv und leiste meinen persönlichen Beitrag für eine bessere Welt.

Ich kenne all die Argumente pro Wählen natürlich zur genüge, lange Zeit hielten sie mich auch noch in ihren Klauen. Meine Politikverdrossenheit wuchs dennoch von Jahr zu Jahr und diesmal war es soweit: Ich konnte mich einfach nicht mehr dazu durchringen, mein Kreuzchen für die Scharade machen zu gehen.

Noch kurz vorher war ich unentschlossen und hatte meine Unterlagen alle schon ausgefüllt. Ich habe mich an diesem Wahlsonntag dann aber dafür entschieden, an dem Spiel nicht mehr mitzuwirken und statt dessen Teil einer neuen Geschichte zu sein.

Ich sehe mich selbst als eine Agentin des gesellschaftlichen Wandels, der wegführt von dem, was lange als gut und richtig galt, inzwischen aber abgenutzt und unbrauchbar geworden ist. Ich erschaffe mit jeder einzelnen meiner Handlungen eine neue Realität, Stück für Stück. Und das fühlt sich genau richtig so an.

Auch wenn ich an manchen Tagen vielleicht denke, dass mein Tun nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, spüre ich in so vielen anderen Momenten dagegen, wie bedeutungsvoll es ist, was ich alles so tue und vor allem, wie ich es tue. Aus unserer Gründungsgruppe heraus, von Bekannten oder mittels Feedback zu meinem Blog bekomme ich regelmäßig großartige, neue Inspirationen, die mir helfen, meinen Platz im Gefüge deutlicher zu verstehen und immer besser meiner Intuition zu folgen.

Eine dieser Inspirationen kam zum Beispiel in Form des Buches „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“ von Charles Eisenstein daher. Man kann es hier online in verschiedenen Sprachen lesen.

Er führte mir mit seinen Worten wieder einmal neu vor Augen, dass jede noch so unscheinbare Handlung die Welt verändern kann – so sie denn mit der „richtigen“ inneren Haltung, mit offenem Herzen ausgeführt wird und der Förderung eines Zustands der Verbundenheit dient und dem „alten Narrativ der Separation“ entgegen wirkt.

Verbindet es mich aber mit dieser neuen, schöneren Welt, wenn ich ein politisches System unterstütze, dessen Interessen eindeutig nicht darin liegen, die Krisen unserer Zeit (sozial, ökologisch und ökonomisch) von der Wurzel her zu kurieren? Meine Antwort lautet, das tut es nicht. Was mich statt dessen der Lösung für die Probleme unserer Zeit näher bringt, das ist das Eingehen von Beziehungen mit und das gegenseitige Bestärken und Unterstützen von anderen Menschen, die ebenfalls auf dem Weg zu einem neuen Miteinander sind.

Ganz konkret und persönlich tue ich das natürlich tagtäglich mit meiner Arbeit an unserem Projekt, einen Lebensort zu schaffen, der von sozialer Gerechtigkeit, gemeinsam getragener Verantwortung und einem artgerechten, würdevollen Lebensstil geprägt sein soll. Außerdem möchte ich mich mit den vielen jungen Menschen solidarisch zeigen, die mit ihren Mitteln versuchen, auf die Not-wendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Wandels aufmerksam zu machen.

Aber auch auf anderer Ebene, zum Beispiel im digitalen Raum bilden sich immer mehr Keimzellen und Initiativen, die der Stärkung der gegenseitigen Unterstützung und der Befähigung zu Selbsthilfe und Einflussnahme auf unsere Lebensumstände dienen sollen.

In der letzten Zeit sind mir da zwei neue Online-Plattformen begegnet. Auf „nebenan.de – Dein Werkzeug für eine lebendige Nachbarschaft“ geht es darum, sich ganz praktisch und direkt mit Menschen aus der allernächsten Nachbarschaft zu vernetzen. Sei es zum Beispiel, um materielle Dinge auszutauschen, Dienstleistungen anzubieten und zu nutzen oder einfach um leichter Kontakt mit den Leuten nebenan zu knüpfen. Egal, ob man eine Kaffeemaschine verschenken will, Hilfe am Computer sucht, sich als Leihoma zur Verfügung stellen oder einen Spieleabend organisieren möchte. Bei nebenan.de ist dies kostenlos möglich. Ich glaube, dieses Format hat wirklich Potential, regionale Netzwerke nachhaltig zu stärken.

Die zweite interessante Entdeckung war ein gemeinnützig ausgerichtetes, global angelegtes soziales Wissens-Aktions-Netzwerk, welches sich noch in der Aufbauphase befindet. Es heißt human connection und die Erschaffer*innen dieser Plattform haben eine große Vision:

Human Connection stellt Mensch, Natur und Umwelt in den Mittelpunkt. Ziel ist die Schaffung eines gemeinnützigen sozialen Wissens- und Aktionsnetzwerks, um den Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam zu begegnen, die Würde des Menschen zu wahren und eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen und zukünftigen Generationen zu schaffen. Jederzeit, als Einzelner, zusammen mit Gleichgesinnten oder gleich mit der ganzen Welt.

Ich wette, in diesem Augenblick entstehen an vielen verschiedenen Orten ähnliche Initiativen. Denn die alten Strukturen bröckeln so deutlich an all ihren tragenden Säulen, sei es z.B. im Bildungs- , Gesundheits- oder im Finanz- und Wirtschaftssystem, in der Lebensmittelindustrie, in unserer Politik der Reichen und Mächtigen. Die Zeit ist mehr als reif für einen Paradigmenwechsel und ich bin fest entschlossen, Teil dieser Bewegung zu sein. Ich glaube, der Aufbau einer sozialen Gemeinschaft, so wie wir das vorhaben, ist eine gute Möglichkeit, die Probleme unserer Welt an der Ursache zu packen. Das ist für mich politisches Handeln, im Sinne der Übernahme meiner Eigenverantwortung und Nutzen meiner Privilegien für ein größeres Ganzes.

Und wie sehr ihr das? Glaubt ihr noch an Lösungen innerhalb des Systems oder denkt ihr auch lieber out-of-the-box?

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